Verkehrspolitik : Die Bahn hadert mit der Politik

Nach der Absage des Börsengangs legt der Konzern gute Quartalszahlen vor – und droht der Regierung

Carsten Brönstrup
Bahn
Gut unterwegs. Die Bahn trotzt vorerst der Finanzkrise und präsentiert steigende Umsätze und Verkehrszahlen im dritten Qurartal.Foto: Caro / Ponziak

Berlin - An die Börse darf die Deutsche Bahn vorerst nicht – auch wenn sie selbst glaubt, reif dafür zu sein. Um das zu demonstrieren, legte der von Hartmut Mehdorn geführte Konzern am Donnerstag Zahlen für das dritte Quartal vor. Sie weisen leichte Steigerungen bei Gewinn und Umsatz aus. „Die Deutsche Bahn fährt trotz Finanzkrise weiter auf Erfolgskurs“, erklärte der Manager. Dies werde auch in Gesprächen mit potenziellen Investoren honoriert. Das Projekt werde weiter verfolgt, kündigte er zudem in der Mitarbeiterzeitung „DB Welt“ an.

Die Regierung sieht das anders. „Auf absehbare Zeit“ werde das Vorhaben nicht umgesetzt, hatten Sprecher von Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch gesagt. Auch Werner Müller, Chef des Aufsichtsrates, äußerte sich entsprechend. Der Hintergrund war neben der Finanzkrise der Streit um die Bonuszahlungen für den Vorstand, die im Fall des Börsengangs fließen sollten. Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) war unter Druck geraten, weil er vorgegeben hatte, nichts von den Zahlungen gewusst zu haben. Um ihn ein Jahr vor der Bundestagswahl nicht auswechseln zu müssen, kippte die SPD den gesamten Börsenplan. Ursprünglich hatte am 27. Oktober ein knappes Viertel der Transportsparte DB Mobility Logistics verkauft werden sollen.

Statt Börsengang lieber große Investoren?

Allerdings steht die Bundeskanzlerin noch aufseiten Mehdorns. Kanzleramts- Chef Thomas de Maizière erklärte am Mittwochabend, dass der Börsengang in dieser Wahlperiode noch möglich sei, sollte sich die Situation an den Kapitalmärkten verbessern. Dies müsste bis zum Frühsommer 2009 geschehen, damit der Börsengang nicht Thema des Wahlkampfs wird. Eine spätere Privatisierung dürfte Mehdorn als Bahn-Chef nicht mehr erleben – sein Vertrag läuft nur bis 2011. Investoren legen Wert auf Kontinuität an der Spitze eines neuen Börsenwertes. Würden Teile der Bahn 2010 verkauft, wäre Mehdorn nicht mehr lange genug im Amt.

Am Donnerstag beriet die Bahn-Spitze auf einer Vorstandssitzung die neue Lage. Denkbar ist, dass sie nun versucht, nur wenige große Investoren ins Boot zu holen und keine Aktien an der Börse zu verkaufen. Die Zahlen für das dritte Quartal bestätigten „das stabile Geschäftsmodell und die eingeschlagene Strategie“, ließ das Management wissen. Der Umsatz lag in den ersten neun Monaten des Jahres mit 25,2 Milliarden Euro um neun Prozent über der Marke des Vorjahres. Der Gewinn vor Steuern (Ebit) wuchs nur leicht um 3,7 Prozent auf 2,06 Milliarden Euro. Bei der Börsensparte Mobility Logistics lag das Plus bei 12,3 Prozent. Noch nie habe die Bahn so viele Fahrgäste befördert wie in den ersten neun Monaten dieses Jahres – es waren fast zwei Milliarden.

Sorgen um Bahn-Image nach ICE-Radachsen-Problemen

In der Bahn-Zeitung „DB Welt“, die vor Mittwoch erschienen war, hatte Mehdorn gesagt: „Alle Vorbereitungen laufen weiter, so dass wir jederzeit startklar sein werden, sobald sich das Umfeld wieder besser darstellen wird.“ Die Situation beschrieb er so: „Wir stehen auf dem Zehn-Meter-Turm. Jetzt fehlt vorübergehend das Wasser.“ Das Umfeld für einen Börsengang dürfte jedoch in den kommenden Monaten kaum besser werden. Zum einen könnte die schwächere Weltkonjunktur die Sparte Logistik schwächen, die einer der wichtigsten Gewinn- und Wachstumsträger im Konzern ist. Zum anderen dürften die Probleme mit den ICE-Radachsen dem Bahn-Image weiter schaden und Sorgen bei möglichen Investoren schüren.

Indirekt warnte Mehdorn die Politik davor, angesichts der verschobenen Börsenpläne nun erneut über die Struktur des Unternehmens zu diskutieren. Die bisherige Strategie habe „für sichere Arbeitsplätze im Konzern gesorgt“. Trotz schwieriger konjunktureller Lage werde das auch so bleiben, „wenn dieser erfolgreiche Kurs konsequent fortgeführt werden kann“. Zwar sind Kündigungen bei der Bahn bis 2010 ausgeschlossen. Trotzdem hatte der Konzern in den vergangenen Jahren stets mehrere Tausend Stellen abgebaut – die Zahl der Mitarbeiter war nur durch Zukäufe anderer Firmen gewachsen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben