Vermögensschere : Wissenschaftler beklagen gespaltenes Land

DGB-Ökonomen beklagen Vermögensdrift zu den Reichen. Die aktuelle Steuerpolitik sei „gefährlich“.

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Mehr Geld in der Tasche haben besonders die Reichen. Foto: dpa
Mehr Geld in der Tasche haben besonders die Reichen. Foto: dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Deutschland ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine „sehr ungleiche Gesellschaft“ geworden, sagt Gustav A. Horn. Das lässt sich in Geld ausdrücken: Nach Berechnung des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, das der Ökonom leitet, sind die Mittel des reichsten Zehntels hierzulande seit 1991 um 12,4 Prozent gewachsen. Das unterste Zehntel hat im selben Zeitraum fast im selben Maße verloren, nämlich 11,2 Prozent. „Die Bundesrepublik war zuvor in der Tendenz eine egalitäre Gesellschaft“, sagte Horn am Freitag in Berlin. „Das kann man heute nicht mehr sagen.“

Horn und seine Kollegen Ulrike Stein und Kai Daniel Schmid, die Autoren der Studie „Gründe wachsender Einkommensungleichheit in Deutschland 1991–2010“, stehen mit dieser Analyse nicht allein. Vor zwei Jahren spürten Forscher der OECD der Lage in den am weitesten entwickelten Volkswirtschaften nach und stellten für Deutschland eine überdurchschnittlich rasante Entwicklung der Ungleichheit fest. Das obere Zehntel der Spitzeneinkommen war demnach 2008 im Schnitt achtmal größer als das unterste Zehntel. In den neunziger Jahren lag das Verhältnis noch bei sechs zu eins, das durchschnittliche Verhältnis in den reichen Ländern war zum Zeitpunkt der Untersuchung neun zu eins.

Dabei gab es auch in den beiden deutschen Jahrzehnten wachsender Ungleichheit, die sich die Böckler-Ökonomen vorgenommen haben, Zeiten verstärkter und Zeiten schwächerer Entwicklung. „Am stärksten war die Drift zwischen 2000 und 2005, seither hat es sich etwas beruhigt“, sagt Horn. Auf eine parteipolitische Bewertung – zwischen 1999 und 2005 regierte Gerhard Schröders rot-grüne Koalition und setzte die Agenda 2010 ins Werk – wollte er sich nicht einlassen. „Frau Merkel war ja einverstanden mit allem, was Herr Schröder gemacht hat.“ Und auch von Gerechtigkeit will der als links gelabelte Ökonom nicht sprechen. Das sei „keine objektive ökonomische Kategorie“. In der Studie gehe es vielmehr um Stabilität, sagt Horn. „Wir wissen inzwischen, dass ungleiche Verteilung eine der wesentlichen Gründe für Krisenanfälligkeit ist“, sowohl für einzelne Volks- wie für die gesamte Weltwirtschaft. „Sehr viel anlagesuchendes Kapital, das ist der Treibstoff für die Finanzmärkte. Dass es dabei auch um risikoreiche Anlagen geht, ist klar.“

Als Gründe für die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Habenden und Habenichtsen machen Horn, Schmid und Stein vor allem Trends auf dem Arbeitsmarkt und das rasche Wachstum der Kapitaleinkünfte verantwortlich. „Das war in ganz Europa die treibende Kraft zur Ungleichheit“, sagt Schmid. Wenn auch nicht gleich stark wie in Deutschland: Horn nennt das Beispiel Frankreichs, das sich egalitärer entwickelt habe. Schwedens Gesellschaft hingegen dividierte sich noch deutlicher auseinander – allerdings von einem Niveau viel geringerer Unterschiede aus. So lebten die Skandinavier nach wie vor „gleicher“ als die Deutschen.

Auch ältere Entwicklungen haben nach Ansicht von Horns Team zur Ungleichheit beigetragen, etwa der Trend zum kleineren, zum Single-Haushalt, dessen fixe Kosten gleich bleiben, was den finanziellen Spielraum des einzelnen Haushaltsmitglieds einschränkt. Das aber könne nicht die Sprünge seit der Jahrtausendwende erklären. Für die sei am oberen Ende die Kapitalentwicklung durchschlagend. Am unteren Ende sei es vor allem der Trend zu „atypischen“ Arbeitsverhältnissen, Leiharbeit, die schlechter entlohnt werde als reguläre Stellen, Minijobs, Schwund von Tariflöhnen und deren zunehmende Spreizung. Nicht alles sei Globalisierung, sagt Horn, vieles hausgemacht und Ungleichheit teils politisch gewollt. Das zeige etwa die Steuerpolitik, die hohe Einkommen entlaste „in der Hoffnung, dass die wirtschaftliche Dynamik dadurch größer wird. Wir meinen, es ist umgekehrt, das ist gefährlich“.

Zu viel Reichtum ganz oben gefährde nämlich nicht nur die Stabilität, sondern lasse die Gesellschaft „verkrusten“, bilde Marktmacht, die sich isolieren könne und eben „wirtschaftlicher Dynamik nicht mehr unterliegt“, warnt Horn. Das bremse die Wirtschaft insgesamt. Inzwischen sei zwar „Tempo aus der Umverteilung rausgenommen“, erstmals gebe es wieder mehr Vollzeitstellen. Aber keinen Grund zur Entwarnung: „Die zugrunde liegenden Trends sind immer noch da.“

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