Wirtschaft : Verpackungskünstler

Ab in die Kiste: Seit drei Generationen transportiert die Clemens Fritze KG aus Neukölln Waren und Maschinen in alle Welt – auch für Astronauten

Jörg Oberwittler

Draußen auf dem Gelände der Clemens Fritze KG stapeln sich die Holzpaletten – drinnen auf dem Tisch die Bilder der spektakulärsten Aufträge, die Geschäftsführer Rainer Fritze bisher abgewickelt hat: Fast fünf Meter hohe Elektromotoren, tonnenschwere Wasserkraftgeneratoren oder heikles Gefahrgut hat er bereits in alle Welt verschickt. Hauptsächlich nach China, Indien, Russland und Südamerika. Sein bisher größtes „Packstück“: ein hundertfünfzig Tonnen schwerer Antrieb für eine Zentrifuge nach Moskau, in der Astronauten die Beschleunigungskräfte beim Raketenstart in den Weltraum simulieren.

Die Neuköllner verpacken Maschinen und Bauteile sämtlicher Art und Größe. Der Kundenkreis umfasst rund 900 Unternehmen aus Berlin und Brandenburg sowie aus dem Rhein-Main-Gebiet: Vom kleinen Maschinenbauer bis zur Aktiengesellschaft, wie Siemens, Bombardier oder Daimler, „und zwar so, dass die Güter stets heil am Ziel ankommen“, sagt der dreiundfünfzig Jahre alte Diplomkaufmann. „Wenn ein Packstück nach Brasilien in den Urwald geht und dort monatelang im tropischen Regen steht, muss es trotzdem wie neu aus der Kiste kommen.“ Denn bei Korrosionsschäden haftet der Neuköllner.

Das Familienunternehmen mit 110 Mitarbeitern profitiert vom wachsenden Wirtschaftstandort Berlin. Und obwohl die deutsche Exportkurve durch die Krise eine Delle erfahren hat, mag Rainer Fritzes Optimismus nicht schwinden. Seit neunzig Jahren existiert die Clemens Fritze KG, der Fritzes Großvater damals als Kistenbauer den Namen gab. Seitdem ist die Unternehmensgruppe kontinuierlich gewachsen: vom kleinen Kellerladen in der Manteuffelstraße in Kreuzberg bis zum vierzigtausend Quadratmeter großen Areal nahe dem einstigen Mauerstreifen. Zwei weitere Standorte hat die Firma mittlerweile in der Siemensstadt und in der Paulsternstraße und verfügt damit über 60 000 Quadratmeter Lagerkapazitäten in Berlin. Und auch in Frankfurt am Main sitzt die Unternehmensgruppe mit einem Standbein, der Contipack GmbH, an logistisch günstiger Stelle zum internationalen Großflughafen.

Rainer Fritze führt das Familienunternehmen in der dritten Generation. Seine Kinder stehen bereits in den Startlöchern; der Sohn studiert, die Tochter geht noch zur Schule. „Als Unternehmer gucke ich immer nach vorn“, sagt er. Das sei die „optimistische Grundhaltung eines Unternehmers“, ergänzt seine Frau Corinna. Zu Mauerzeiten lag das Areal abgelegen in einer Sackgasse, mit Blick auf die Wachtürme. Mit der Wiedervereinigung kamen zwar nicht sofort die Aufträge, aber viele willige Arbeitskräfte aus dem Osten, erinnert sich Fritze. Erfreut beobachtet er nun, wie auch große Industrieunternehmen Berlin wiederentdecken und ihre Fertigungsabteilungen hier bündeln. Noch habe Berlin einen breit gefächerten Bestand an Industrie, das müsse der Senat allerdings stärker fördern, „und nicht nur die Hightechbranchen und die Green Economy“, bemängelt Fritze. „Wir brauchen nicht nur eine entwickelnde Industrie in Berlin, sondern auch eine fertigende. Das eine geht nicht ohne das andere.“ So entbehrt es für den Geschäftsmann auch nicht einer gewissen Ironie, dass Unternehmen ihre Fertigung zunehmend ins Ausland verlagern – und damit auch Arbeitsplätze unwiederbringlich verloren gehen.

Lieber schickt er Kisten ins Ausland. „Handle with care“ – „Vorsichtig behandeln“, steht auf den mannshohen Packstücken, die unter Holzdächern und in Hallen auf ihren Abtransport warten. Manche nur ein paar Tage, andere bis zu einem Jahr. Denn immer mehr Kunden lassen ihre bereits verpackten Waren vor dem Versand einlagern. Früher machte die Fritze KG mit dem Verkauf leerer Holzkisten den meisten Umsatz, heute wird der Löwenanteil mit einem „Rundum-sorglos-Paket“ erwirtschaftet: „Konservierung, Kommissionierung und Containerstau“, wie der Fachmann sagt, sprich: abholen, verpacken, lagern und zum nächsten Nordsee- oder Flughafen bringen.

Jede Kiste sei eine Einzelanfertigung aus deutschem Kiefern-, Fichten- oder Tannenholz, erläutert Rainer Fritze beim Rundgang. Sägen kreischen, Arbeiter schneiden Holzlatten zurecht, Späne wirbeln durch die Luft, es duftet nach frischem Holz. Im Laufe der Jahre sind die zu verpackenden Maschinen immer empfindlicher geworden. Entsprechend aufwendig muss der Transportschutz sein: hauptsächlich Aluminium- oder Polyethylenfolie. So eingemummt und mit gelben Warnaufklebern versehen, warten zum Beispiel Schaltschränke für Siemens in der Halle auf ihren Abtransport.

Die Wirtschaftsflaute hat auch die Clemens Fritze KG erreicht, doch der ehrgeizige Unternehmer ist optimistisch: „Für Mitte des Jahres sehe ich eine deutliche Erholung in den meisten Branchen. Es wird wieder spürbar besser“, ist sich Rainer Fritze sicher. „Und davon wird auch Berlin profitieren.“

www.clemens-fritze.de

Wir brauchen nicht nur eine entwickelnde Industrie in Berlin, sondern auch eine fertigende. Das eine geht nicht ohne das andere.“

Rainer Fritze, Geschäftsführer

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