Versicherer : Auf die Schnelle

Wer sein Geld für einen überschaubaren Zeitraum sicher anlegen möchte, entscheidet sich zumeist für ein Tages- oder Festgeldkonto seiner Hausbank. Doch das ist derzeit alles andere als attraktiv. Versicherer bieten hohe Renditen für kurze Anlagen. Warum sich das lohnt.

David C. Lerch
Rundum-Angebot. Viele Versicherer locken ihre Kunden jetzt auch mit Tages- oder Festgeldkonten. Dabei bieten sie zum Teil schon höhere Renditen als viele Banken.
Rundum-Angebot. Viele Versicherer locken ihre Kunden jetzt auch mit Tages- oder Festgeldkonten. Dabei bieten sie zum Teil schon...Foto: picture-alliance

In der Finanzkrise ist der Leitzins der Europäischen Zentralbank immer weiter gefallen und mit ihm die Rendite, die ein Privatanleger bei seiner Bank erzielt. Mit Zinsen knapp über zwei Prozent pro Jahr ist man schon gut bedient. Entsprechend reizvoll erscheinen da alternative Angebote zu Tages- oder Festgeldkonto aus einer bisher nicht vermuteten Richtung: Immer mehr Versicherer haben es auch auf den Geldbeutel der kurzfristigen Sparer abgesehen.

Inzwischen liegen längst nicht mehr nur Banken auf den Spitzenplätzen der besten Angebote für Tages- oder Festgeld. Einige Versicherer haben ihnen den Rang abgelaufen und bieten kurzfristige Anlageoptionen – mit höheren Renditen. Bei Cosmos Direkt etwa winken 2,1 Prozent für täglich verfügbares Geld. Dazu garantiert der Versicherer den Zinssatz bei einem Minimum von 5000 Euro für drei Monate, während sich der Zins bei Banken regelmäßig verändern kann.

Die Ergo Versicherung, ehemals Karstadt Quelle, lockt mit einer Rendite von drei Prozent, wenn man sein Geld für ein Jahr anlegt. Wer sein Guthaben nur einen Monat bei Ergo deponiert, streicht auch schon zwei Prozent ein. Swiss Life bietet für ein Jahr fest angelegtes Geld 2,75 Prozent Zinsen. Bei der Zurich Versicherung sind es sogar 3,25 Prozent. Auch zahlreiche öffentlich-rechtliche Versicherer, die ihre Policen über die Sparkassen vertreiben, etwa die Versicherungskammer Bayern oder die Provinzial Rheinland, werben mit ähnlichen Angeboten.

Kurzfristig können sich die Tagesgelder bei den Versicherern lohnen

Bei diesen kurzfristigen Offerten handelt es sich zumeist um Sparverträge auf Basis einer Lebensversicherung. Das bedeutet, die Anleger zahlen in einen gut verzinsten Vertrag ein, den sie kurzfristig und ohne Verlust kündigen können. Beinahe alle Versicherer haben solche Einmalzahlungen, auch Kapitalisierungsprodukte genannt, inzwischen im Sortiment. Manche wenden sich damit allerdings nur an ihren bestehenden Kundenstamm.

Verbraucherschützer halten die kurzzeitigen Investments bei Versicherungen für lohnenswert. „Wer sein Geld kurzfristig parken will, sollte die Produkte von Versicherern in seine Überlegungen einfließen lassen“, rät Thorsten Rudnik vom Bund der Versicherten. Auch bei der Sicherheit der Geldanlage hat er keine Bedenken. „Genau wie Banken haben auch Versicherungen eine Auffanggesellschaft“, betont auch Rüdiger Strichau von der Verbraucherzentrale Berlin.

Dass sich die Assekuranzen auf neues Terrain wagen, hat auch mit den Problemen im Kerngeschäft zu tun. Die Krise hat viele Verbraucher verunsichert. Immer weniger wollen ihr Erspartes langfristig binden, etwa mit einer Rentenversicherung. „Viele wollen ihr Geld erstmal parken und den Kapitalmarkt in Ruhe beobachten“, sagt Thorsten Rudnik. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine kürzlich veröffentlichte GfK-Studie zum Spar- und Anlageverhalten. Mehr als ein Drittel der Befragten plant demnach, Erspartes auf einem Tagesgeldkonto zu parken.

Darauf reagieren die Versicherer. Statt auf klassische Policen mit langjährigen Beiträgen setzen sie auf Abbruchpolicen gegen Einmalzahlung und wildern so im Geschäft der Banken.

Wie es scheint, gefällt diese Entwicklung nicht allen Anbietern in der Versicherungsbranche. Doch der Druck, überhaupt noch neue Kunden zu gewinnen, ist groß. Das belegen die Zahlen vom Branchenverband GDV für das Jahr 2009. Während sich die kurzfristigen Einmalzahlungen auf 21 Milliarden Euro summierten, flossen gerade einmal sechs Milliarden Euro an neuen Mitteln in klassische Lebens- und Rentenversicherungen.

Die hohen Zinsen können auch ein reines Lockangebot sein

Zudem klagen Versicherer seit langem, dass Kunden nach Ablauf eines Vertrages ihr Geld abziehen und zu Banken oder Fondsgesellschaften bringen. Schätzungen zufolge bleibt nur jeder zehnte Euro, der fällig wird, im Portfolio der Versicherung. Auch hier sollen die kurzfristigen Angebote Abhilfe schaffen.

Doch die Lockangebote für Neukunden könnten sich für die Versicherer, vor allem aber für die langfristig gebundenen Versicherten zum Problem entwickeln. Nämlich dann, wenn die Leitzinsen dauerhaft niedrig bleiben und die kurzfristigen Prämien die langfristigen Anlagen gefährden, also das neue Geschäft zulasten der treuen, langjährigen Kunden erzielt wird. Schon jetzt vermuten Kritiker, dass die neuen Angebote bei den Gesellschaften quersubventioniert werden. „Diese Gefahr besteht“, sagt auch Rudnik, „denn der Markt bietet derzeit nicht so hohe Zinsen wie die Versicherer“. Der Verdacht liegt nahe, dass die über Jahre angehäuften Rücklagen dazu benutzt werden, die attraktiven Konditionen zu stemmen, um die Banken zu überflügeln. Entsprechend weniger könnte für eine jahrelange Versicherung abfallen. Bei den klassischen Policen gibt es garantierte Leistungen in Höhe der eingezahlten Beträge und einer festgelegten Verzinsung von derzeit 2,25 Prozent. Dazu kommt ein Aufschlag, die sogenannte Überschussbeteiligung, deren Höhe sich stets neu berechnet. „Auf mehr als die Mindestverzinsung haben die Kunden von Lebens- und Rentenversicherungen keinen rechtlichen Anspruch“, erklärt Rüdiger Strichau. Das werde häufig vergessen.

Der Vorwurf der Quersubvention hat inzwischen auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) alarmiert, die neben Banken und Kapitalmärkten auch Versicherungen kontrolliert. Anfang April hat die Behörde nach eigenen Angaben Fragebögen an alle großen deutschen Versicherer verschickt und um detaillierte Angaben zu den kurzfristigen Anlageoptionen gebeten. Die ersten Ergebnisse werden derzeit in der Bonner Bafin-Zentrale ausgewertet. Nur zwei Wochen hatte die Bafin den Konzernen für ihre Antworten eingeräumt. Experten werten gerade diese kurze Frist als Warnung an die Branche, es mit den bankähnlichen Produkten nicht zu übertreiben.

Bereits jetzt gibt es geltende Auflagen. Danach dürfen die Prämien, die Versicherer für kurzfristig angelegte Beträge auszahlen, nicht mehr als drei Prozent der gesamten Sparsumme ausmachen. Über dieser Schwelle muss kurzfristiges und langfristiges Guthaben getrennt verwaltet werden. Gut möglich, dass die Bafin nun die Regeln verschärft und die Chance für kurzzeitige Anlagen bei Versicherungen nicht mehr lange besteht. Dafür könnten auch die Versicherer selbst sorgen. „Die hohen Zinsen könnten auch nur ein Marketing-Trick der Versicherer sein, um kurzzeitig Aufmerksamkeit zu erregen“, sagt Thorsten Rudnik.

0 Kommentare

Neuester Kommentar