Wirtschaft : Versicherer bleiben auf Policen sitzen - 40 Prozent weniger bei Lebensversicherungen

Heike Jahberg

Berlin - Nach dem Boom im Vorjahr haben die deutschen Lebensversicherer im vergangenen Jahr erhebliche Einbußen im Neugeschäft hinnehmen müssen. Nur noch 7,8 Millionen Policen konnten die Gesellschaften 2005 neu abschließen, das waren knapp 40 Prozent weniger als im Vorjahr, sagte Bernhard Schareck, Präsident des Versicherungsverbandes GDV, am Donnerstag in Berlin. 2004 hatte der Branche dagegen einen vorübergehenden Boom beschert, weil sich viele Verbraucher auf den letzten Drücker noch Steuervorteile sichern wollten.

Dennoch zeigte sich Schareck mit dem abgelaufenen Jahr zufrieden. Insgesamt konnten die Versicherer ihre Beitragseinnahmen um 3,8 Prozent auf 157,8 Milliarden Euro steigern, den Löwenanteil machten dabei die Lebensversicherungen und Pensionsfonds mit Einnahmen von 75,2 Milliarden Euro aus. Die Finanzlage der Lebensversicherer hat sich weiter entspannt. Die stillen Lasten – Abschreibungen auf Aktien, Immobilien oder Wertpapiere – seien inzwischen fast vollständig abgebaut, betonte der GDV-Chef. Seit dem Börsencrash vor vier Jahren haben die Unternehmen sogar wieder erheblich stille Reserven in Höhe von 4,5 Prozent der Kapitalanlagen aufgebaut. Alle Versicherer zusammen halten Kapitalanlagen im Wert von rund 1,16 Billionen Euro, davon entfallen 56 Prozent auf die Lebensversicherer.

Nach den Vorstellungen von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) sollen die Versicherer ihre Kunden künftig stärker an den stillen Reserven beteiligen. Das will die Ministerin im neuen Versicherungsvertragsgesetz (VVG) festschreiben. Ein Referentenentwurf befindet sich derzeit in der Abstimmung mit den anderen Ministerien. Schareck kündigte intensive Diskussionen an. Die VVG-Reform werde dazu führen, dass die Versicherer keine nennenswerten Aktienpositionen mehr halten werden, warnte der GDV-Chef. Zudem sei auch die Erfüllung der Garantieversprechen gefährdet, wenn die Versicherer künftig den Versicherten zeitnah Kursgewinne aus Wertpapieren gutschreiben müssten, weil dieses Geld später fehle, um Kursverluste auszugleichen. Auch die verbindliche Angabe von Rückkaufwerten bei vorzeitiger Kündigung lehnt Schareck ab. Dieses würde diejenigen belasten, die bis zum Vertragsende bei der Stange bleiben.

Kritik an den Unternehmen, die monatelang verbraucherfreundliche Urteile des Bundesgerichtshofs zur vorzeitigen Kündigung von Lebensversicherungen ignoriert hatte, wies Schareck zurück. Er verwies auf eine bei der Finanzaufsicht Bafin neu eingerichtete Beschwerdestelle. Dort können sich Kunden über Gesellschaften beschweren, die ihnen eine Rückzahlung verweigern. „Bis heute hat die Bafin keinen einzigen Beschwerdefall verzeichnet“, sagte Schareck.

Kritik an der Bundesregierung üben aber vor allem die privaten Krankenversicherer. Der Chef des PKV-Verbands, Reinhold Schulte, warnte vor einer „Jagd auf die Privatkassen“ bei der jetzt anstehenden Gesundheitsreform. Durch höhere Honorare würden die privat Versicherten schon heute das Gesundheitssystem jährlich mit zehn Milliarden Euro subventionieren. „Ohne diese Mehrzahlungen könnten viele Praxen und Krankenhäuser kaum noch bestehen“, warnte Schulte. 2005 konnte die PKV nur noch rund 110 000 neue Vollversicherte gewinnen nach 150 000 im Vorjahr. Die Branche leidet unter Nachwuchsmangel, weil die Versicherungspflichtgrenze im Jahr 2003 erhöht wurde, und sich bereits heute immer weniger Menschen privat versichern können.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben