Versicherung : Lösegeld von der Allianz

Immer mehr Firmen versichern ihre Manager gegen Entführungen – aber keiner spricht gern darüber.

Thomas Magenheim

München - Normalerweise ist die Assekuranz wenig zurückhaltend, wenn es darum geht, Versicherungen anzupreisen. Bei Policen gegen Entführungen ist das anders. „Es ist ein sehr verschwiegenes Geschäft“, sagt Allianz-Kidnappingexpertin Annette Rißmann. Niemand rede gern darüber, nicht der Anbieter, nicht der Kunde. Entführungen vermögender Manager oder im Ausland tätiger Mitarbeiter von Firmen sollten nicht herausgefordert werden. Es sei ein Nischengeschäft, aber ein wachsendes, verrät die Allianz lediglich. Denn die Wirtschaftskrise sorgt für politisch und wirtschaftlich verschärfte Verhältnisse – und damit wohl auch vermehrt für Kidnapping.

Verlässliche Daten über das branchenweite Prämienaufkommen gibt es nicht. Die Policen seien sehr individuell, heißt es lediglich. Bei der Allianz schwankt die jährliche Beitragssumme zwischen 3000 und 200 000 Euro, abhängig vom betroffenen Land, Rang und Anzahl Versicherter, vorhandenen Leibwächtern oder anderer Schutzmaßnahmen. Anbieten darf die Branche derartige Versicherungen überhaupt erst seit 1998. Vorher hatte die Finanzaufsicht Bafin einen Riegel vorgeschoben, um potenzielle Entführer nicht zusätzlich auf eine kriminelle Geschäftsidee zu bringen. Noch heute besteht ein Werbeverbot für diese Policen.

Als Brennpunkt des Geschehens galt lange Mexiko. Experten schätzen aber, dass es mittlerweile in den USA die meisten Entführungen gibt. Als besonders gefährdete Gebiete, in denen sich aber kaum Manager tummeln, gelten Afghanistan, Irak, Jemen, Kolumbien, Libanon und Nigeria. In Deutschland erregten Fälle wie die von Richard Oetker 1976 oder Jan Philipp Reemtsma 1996 Aufsehen, als für beide Industrielle je eine zweistellige Millionensumme bezahlt wurde.

In Deutschland zählt die Statistik jährlich weit über 100 Entführungen mit Lösegeldforderung sowie über 5000 Erpressungen. Weltweit ist es offiziell mindestens ein Zehnfaches, was wiederum aber nur die Spitze des Eisbergs sein dürfte. Die Dunkelziffer liege um den Faktor zehn höher, schätzen Experten.

Präventionsberatung sei ein wichtiger Bestandteil einer Police, sagt Rißmann. Kunden würden zunächst intensiv über ihre Lage befragt, um Schwachstellen im Persönlichkeitsschutz auf die Spur zu kommen. Im Ernstfall stelle die Allianz dann auch Krisenmanager und begleiche natürlich die Lösegeldforderung. „Weniger als eine Million Euro Versicherungssumme ist nicht sinnvoll“, stellt die Expertin klar.

Strafverfolger sind mit dieser Aktivität der Assekuranz nicht glücklich. Denn derart abgesicherte Entführungsopfer haben in der Regel weniger Interesse an der Aufklärung ihres Falls. Für die Versicherer gilt das Nischengeschäft als profitabel. Aber sprechen mag auch darüber niemand öffentlich. In Deutschland ist HDI Gerling Marktführer. Weltweit war zumindest bis vor kurzem die tief gefallene AIG ein großer Anbieter sowie die auf den Bermudas tätige Hiscox.

Die Allianz will im Herbst auf jeden Fall eine neue Entführungspolice speziell für größere Konzerne über einer halben Milliarde Euro Jahresumsatz anbieten. Es gebe Bedarf, heißt es lediglich. Die genauen Konditionen und Leistungsumfänge sind dem Geschäft entsprechend natürlich geheim. 

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