Wirtschaft : Versicherungschef warnt vor dramatischen Lücken

Aachen-Münchener-Chef Michael Westkamp klagt, dass die Deutschen viel zu wenig für die private Altersvorsorge zurücklegen

Heike Jahberg

Berlin – Obwohl sie wissen, dass die gesetzliche Rente später nicht mehr reicht, treiben die Deutschen nach Ansicht der Versicherungswirtschaft noch immer viel zu wenig Vorsorge für ihr Alter. „Die Summen, die in die private Vorsorge investiert werden, müssten kurzfristig verdoppelt und langfristig vervier- oder verfünffacht werden", sagte der Vorstandschef der Versicherungsgruppe Aachen-Münchener, Michael Westkamp, dem Tagesspiegel. „Je früher man anfängt, desto geringer fällt die Belastung aus."

Westkamp fordert einen Mentalitätswechsel: „Die Menschen müssen erkennen, dass es wichtig ist, fürs Alter zu sparen. Wir müssen alle schauen, woher wir – zur Not mit einer Minderung des Lebensstandards – das Geld für Altersvorsorge nehmen können.“ Derzeit würden die Deutschen deutlich weniger als 100 Euro im Monat für ihre gesamte private Altersvorsorge ausgeben, „das ist nicht genug“. Die Aachen-Münchener ist nach der Allianz Leben die zweitgrößte Lebensversicherung in Deutschland und gehört zur italienischen Generali.

Westkamp sieht auch die Politik in der Pflicht. „Es reicht nicht, Zulagen für die Riester-Rente zu zahlen und darauf zu hoffen, dass die Menschen dann auch die entsprechenden Verträge abschließen“, kritisiert der Versicherungschef. Die Politik müsse den Bürgern noch deutlicher als bisher klar machen, dass die heute 30- oder 40-Jährigen ohne private Altersvorsorge als Rentner in ein tiefes finanzielles Loch fallen werden.

Handlungsbedarf sieht der Versicherungschef aber auch ganz konkret bei der neuen, steuerlich geförderten Basis-Rente (Rürup-Rente). So lange diese als reine Leibrente konzipiert sei, bleibe die neue Rente ein Ladenhüter, warnt Westkamp.

Die Aachen-Münchener bietet die Basis-Rente seit Jahresanfang an, hat bisher aber weniger als 500 Verträge abgeschlossen. Westkamp fordert, dass wie bei der Riester-Rente mindestens 30 Prozent der Versicherungssumme bei Rentenbeginn ausgezahlt werden dürfen, zudem solle die Basis-Rente auch vererbbar sein. Mit einem Boom rechnet Westkamp dagegen bei der Riester-Rente.

Hier will die Aachen-Münchener in diesem Jahr 130000 neue Verträge abschließen und damit doppelt so viele wie im Vorjahr. „Seit Jahresanfang haben wir bereits mehr als 30000 neue Policen abgeschlossen“, berichtet der Aachen-Münchener-Chef.

Nach dem Jahresendspurt bei steuerbegünstigten Kapital-Lebensversicherungen erwartet der Versicherungschef für dieses Jahr ein insgesamt ruhigeres Geschäft. Damals hatte die Versicherung ein Neugeschäft von 384,9 Millionen Euro erzielt. Bei den Lebensversicherungen, die viele Verbraucher im vergangenen Jahr noch auf den letzten Drücker abgeschlossen hatten, seien kaum Stornierungen zu verzeichnen. Der Grund: „Wenn man die Versicherung kündigt, entfällt der Steuervorteil, also der Hauptgrund für den Abschluss noch im vergangenen Jahr.“

Generell liegt die Stornoquote bei der Aachen-Münchener allerdings immer noch über dem Branchenschnitt. Während branchenweit 6,4 Prozent aller Lebensversicherungen vorzeitig beendet werden, lag die Abbruchquote bei der Aachen-Münchener im vergangenen Jahr bei 7,9 Prozent.

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