Wirtschaft : Versicherungswirtschaft: Den Katastrophen auf der Spur

Eva Bahner

"Lothar" kam überraschend, aber gewaltig: Im Winter letzten Jahres bescherte der Orkan zahlreichen Menschen in Süddeutschland, Frankreich, Belgien und der Schweiz einen ganz und gar nicht beschaulichen zweiten Weihnachtstag. Die traurige Bilanz: 110 Todesopfer, mehrere Tausend beschädigte Häuser und zahlreiche umgeknickte Bäume und Strommasten. Am 26. Dezember 1999 fielen die Ziegel reihenweise von den Dächern. Dachdecker im Süden Deutschlands waren bis auf weiteres ausgebucht.

Für die betroffenen Haushalte war es ärgerlich, für deren Gebäudeversicherer schmerzhaft - aber für die Rückversicherer wurde "Lothar" richtig teuer. Der Wintersturm kostete die deutsche Versicherungswirtschaft nach Angaben der Münchener Rückversicherung rund 650 Millionen Dollar. In der Schweiz, in Deutschland und in Frankreich belief sich der versicherte Sturmschaden auf insgesamt 5,9 Milliarden Dollar. Der volkswirtschaftliche Schaden in ganz Mitteleuropa wird auf mehr als elf Milliarden Dollar geschätzt.

Ein klarer Fall für die Rückversicherung, die bei derartigen Naturkatastrophen die Erstversicherer versichert. Der Gebäudeversicherer überträgt dabei einen Teil seines Risikos an den Rückversicherer. Verständlich, dass besonders die Rückversicherungsbranche an einer möglichst genauen Einschätzung der Risiken von Naturkatastrophen interessiert ist, um dann die Prämien mit den Erstversicherern aushandeln zu können. Nur, wie macht sie das?

"Der Sturmschaden hängt weitgehend davon ab, wie hoch oder niedrig ein Haus ist, oder ob es auf Sand gebaut ist. Und natürlich vom Gebäudealter", erklärt Thomas Loster, Geograph bei der Münchener Rückversicherung. Dazu kommt: Je höher die Windstärke, desto größer ist natürlich der Schaden am Gebäude. Auf einer Skala von Null bis 170 trägt Loster mit einem Bleistift die Windgeschwindigkeiten in ein Koordinatensystem ein, das die Beziehung zwischen Stundenkilometern und Schaden herstellt. Und jetzt kommt die Wahrscheinlichkeit ins Spiel: Die Forschungsgruppe Geowissenschaften der Münchener Rück, die schon seit mehr als 20 Jahren Risiken von Naturkatastrophen einschätzt, greift dabei auf Hurrikankataloge aus ihrer umfassenden historischen Datenbank zurück.

Wie wahrscheinlich ein Sturm in einer Region ist, hängt davon ab, wie häufig hier bereits in der Vergangenheit dementsprechend hohe Windgeschwindigkeiten gemessen wurden. "Lothar" war einmalig, darum sprach man von einem Jahrhundertsturm - ein Begriff, der bei Windgeschwindigkeiten von bis zu 180 Stundenkilometern in der Region Paris durchaus zutrifft. Die Eintrittswahrscheinlichkeit ist dementsprechend gering. "In einer Sturmmodellierung kann man historische Stürme über das Land fegen lassen", erklärt Loster. "Und indem man Sturmfelder einfach verschiebt, kann man abschätzen, welchen Schaden "Lothar" in Berlin angerichtet hätte."

Gefahrenkataloge gibt es allerdings nicht erst seit der drastischen Zunahme von Naturkatastrophen in den letzten Jahren. Aus den Erfahrungen des verheerenden Brandes in New York 1835 wurden um 1850 die ersten Versicherungskarten erstellt, die gefährdete Bautypen, die Lagerung von feuergefährlichen Stoffen und die verfügbaren Löscheinrichtungen genau festhielten. Die offenkundige Zunahme der Katastrophenschäden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - wurden in den 50er Jahren noch 20 Naturkatastrophen registriert, waren es in den 90er Jahren fast vier Mal so viele - führte zu einer stürmischen Entwicklung von Katastrophenmodellen. Erdbebenmodelle wurden in der Forschungsgruppe Geowissenschaften seit 1987 eingesetzt, Sturmmodelle seit 1990.

Auch für Erstversicherer gewinnt das Risikomanagement zunehmend an Bedeutung. "Schließlich müssen Erstversicherer auch abschätzen, ob überhaupt eine Gefährdung bei dem versicherten Objekt besteht", erklärt Loster. Zu diesem Zweck bietet die Münchener Rückversicherung nun erstmalig ihren Erstversicherungskunden, Behörden und interessierten Wissenschaftlern eine CD-Rom über die weltweiten Naturgefahren an. "Letzte Geheimnisse werden da natürlich nicht preisgegeben", sagt Loster. Der Nutzer soll vielmehr einen Einblick in die gesammelten Erkenntnisse der Meteorologen, Geo-Physiker und Geologen der Forschungsgruppe bekommen. Als erste Einschätzung können Erstversicherer auf der "Weltkarte der Naturgefahren" für jeden Ort auf dem Globus mögliche Katastrophen erkennen. "Per Nadelstich kann ganz genau die lokale Gefährdung abgegriffen werden", sagt der Geograph, während er sich über vier Zoomstufen virtuell an das erdbebengefährdete Kobe in Japan herantastet.

So schlimm wie letztes Jahr wird das laufende Jahr wohl nicht ausfallen - 1999 belief sich der volkswirtschaftliche Schaden der weltweiten Naturkatastrophen auf die Rekordsumme von 100 Milliarden Dollar. Für Rainer Küppers, den Sprecher der Münchener Rück, ist allerdings klar: "Eine Entwarnung gibt es nicht."

Bis Oktober hat die weltweit führende Rückversicherung bereits 600 Unglücke registriert - im gesamten letzten Jahr waren es 755 Fälle. In der Erkenntnis, weder die Kräfte der Natur, noch die des Marktes ausschalten zu können, wird das 20-köpfige Forscherteam auch weiterhin gute Arbeit leisten müssen.

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