Wirtschaft : Verzockt

Der Ruf der Finanzwelt ist nicht der beste. Um das zu ändern, steht jetzt in der Ausbildung für Jobs an der Börse immer häufiger das Thema Ethik auf dem Stundenplan

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Der Ex-Händler. Der Franzose Jérôme Kerviel hatte bei Börsengeschäften für die Großbank Société Générale rund 4,9 Milliarden Euro verzockt. Wegen Veruntreuung, Fälschung und betrügerischer Manipulation wurde er im Oktober 2010 zu fünf Jahren Haft und der Rückzahlung der verzockten Summe verurteilt. Foto: dpa
Der Ex-Händler. Der Franzose Jérôme Kerviel hatte bei Börsengeschäften für die Großbank Société Générale rund 4,9 Milliarden Euro...Foto: picture alliance / dpa

Wer von Börsen und Banken spricht, sieht sich häufig mit missbilligenden Blicken konfrontiert. Der Ruf der Finanzwelt steht nicht zum Besten. Viele denken da an Gordon Gekko, den Börsenhai aus dem Film Wall-Street, an gierige Hedgefonds oder Zocker wie Jérôme Kerviel, die Banken mit Milliardendeals in Schieflage gebracht haben.

„Zu Unrecht“, sagt Petra Greif, die bei der Berliner Börse für den Bereich Unternehmenskommunikation zuständig ist. Schwarze Schafe gebe es in jedem Beruf. Und die Börse spiegele auch stets nur wider, was real passiere, und sei zum Beispiel, auch nicht schuld daran, dass Griechenland schlecht gewirtschaftet habe. Dennoch: Wer sich für einen Beruf an der Börse entscheidet, muss sich während der Ausbildung neuerdings immer häufiger mit dem Thema Ethik beschäftigen.

Das ist auch an der Frankfurt School of Management so. Dort sind Wirtschaftsethik und Philosophie heute Pflichtkurse für angehende Makler, Salesmanager und Wertpapierhändler. Die private Eliteuni gilt als erfolgreichstes Gewächshaus für die Börsianer von morgen. Wer hier studiert, kann dies nach dem Abi oder berufsbegleitend nach einer Banklehre tun, erklärt Thomas Heidorn, Professor für Investmentbanking in Frankfurt.

Am Anfang steht ein Assessment Center, bei dem 70 Prozent der Bewerber eine Absage erhalten, am Ende zum Beispiel ein Bachelor in Management & Financial Markets oder ein Master of Finance – und ein Job als Makler oder Händler an der Wertpapierbörse in Frankfurt, bei einer Wertpapierhandelsgesellschaft wie der Berliner Firma Tradegate oder in den Handelssälen der großen Banken.

Die meisten kleineren Regionalbörsen, auch die Berliner Börse, beschäftigen dagegen keine eigenen Händler mehr. In Zeiten, in denen auch der Handel mit Aktien, Anleihen, Fonds oder Devisen zu einem Gutteil von Computern erledigt wird, sagt Greif, seien die großen Handelssäle („das Parkett“) und physisch anwesende Händler abgeschafft. Sie arbeiteten heute dezentral bei den Banken.

Wer für eine Großbank Wertpapiere handeln darf, gehört oft zu den Spitzenverdienern der Branche. Bei der Deutschen Bank, dem Bankenprimus des Landes, etwa arbeiten „eine Handvoll Händler, die deutlich mehr verdienen als der bisherige Bankchef Josef Ackermann“, sagt Heidorn in Frankfurt. Der Grund: Sie erwirtschaften Gewinne für ihren Arbeitgeber, indem sie, teilweise in Sekundenschnelle, Wertpapiere kaufen und verkaufen, dabei oft auf ein Segment spezialisiert sind, beispielsweise Devisen oder bestimmte Aktien. Während das Grundgehalt meist sehr niedrig ist, richtet sich die Höhe des Gehaltsschecks am Monatsende nach der erbrachten Leistung.

Der Preis, der für den hohen Verdienst bezahlt wird, ist hoch: „Der Job ist wie Hochleistungssport, da wird man nicht alt“, so Heidorn. Man müsse in zehn bis 15 Jahren sein Lebenseinkommen verdienen, länger seien Leistungsdruck und Belastung nicht auszuhalten: „50-jährige Händler gibt es nicht“. Extreme Belastbarkeit, psychische Stabilität, Durchsetzungsvermögen und Charakterstärke, die vor der Versuchung schütze, Insiderinformationen privat zu nutzen, seien die Kernkompetenzen in dem Job, sagt Petra Greif von der Berliner Börse. Unerlässlich auch: Perfektes Englisch, denn Deutsch mutiert an den Börsen inzwischen beinahe schon zur Fremdsprache. Und: Nur wer sehr gerne kommuniziere, rät Heidorn, eigne sich für die Börse.

Eine akademische Vorbildung ist bei den meisten Banken inzwischen Vorbedingung. Neben den Privatunis, raten Profis zum Studium an einer Universität mit Wirtschaftsfokus (siehe Kasten). Vor der Zulassung als Händler steht dann noch die Börsenhändlerprüfung, die formal jedoch nicht an eine akademische Vorbildung gebunden ist und Kenntnisse von Börsengesetzen, Preisbildung und Abwicklung von Geschäften abfragt.

Weil Bereiche wie Risikomanagement, rasche Preisfindung, computerbasierte Handelssysteme oder der so genannte Hochfrequenzhandel (computergesteuerter Handel binnen Bruchteilen von Sekunden) eine immer größere Rolle spielen, haben Mathematiker, Physiker oder (Wirtschafts-) Informatiker als Quereinsteiger an der Börse beste Chancen. Sie arbeiten dann entweder in der Entwicklung neuer Handelsplattformen, in der Programmierung von Trading-Software – oder auch als Börsenmakler. Das bedeutet: Sie bringen zwei Handelspartner zueinander, helfen also bei der Preisbildung.

Das Berufsbild des Maklers hat sich in der vergangenen Jahren gravierend verändert. Denn: Inzwischen werden weit mehr als 90 Prozent aller Umsätze in Deutschland auf der vollelektronischen Handelsplattform Xetra abgewickelt. In Frankfurt heißen Makler inzwischen „Spezialisten“, die die nicht immer perfekte Preisbildung der Rechner überwachen und korrigieren. Auch hier ist die Bezahlung erfolgsabhängig: Je mehr umgesetzt wird, desto mehr fließt aufs Konto. Die Einstiegsgehälter liegen laut Heidorn etwa bei 60 000 Euro pro Jahr.

Beim Berliner Wertpapierhandelshaus Tradegate, das mit Tradegate Exchange ein auf Privatkunden spezialisiertes Handelssystem anbietet, arbeiten rund 50 Spezialisten, die Käufer und Verkäufer zusammenführen, die Preisgestaltung überwachen und Kurse stellen. Die Arbeit der früheren Kursmakler, die noch ohne Computer Preise finden mussten, verschwimmt da mit dem Verkaufsjob, bei dem Kundenkontakte gepflegt und Käufer rekrutiert werden. Eine akademische Vorbildung sei nicht nötig, sagt Personalchef Gerd Hader. Banklehre plus Börsenhändlerprüfung, eine schnelle Auffassungsgabe und die Fähigkeit zum Multitasking genügten. Wer nicht gut sei, zeige sich schnell: Die Basisgehälter sind anfangs mit 1800 bis 2200 Euro recht schmächtig, können aber über Tantieme erheblich verbessert werden.

Die Zukunftsaussichten seien in de Branche außerordentlich gut: „Märkte, Waren und Geld wird es immer geben, ebenso wie den Wunsch der Menschen, miteinander Geschäfte zu machen“, sagt Tradegate-Personalchef Hader. Auf Typen wie die Zocker Gordon Gekko und Jérôme Kerviel trifft man in der Wirklichkeit glücklicherweise nur selten.

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