Viagra-Fälscherring vor Gericht : Teurer als Koks

Das meistgefälschte Medikament der Welt ist nach wie vor Viagra. Es ist teurer als Koks. In Potsdam steht derzeit das größte Fälschernetzwerk Deutschlands vor Gericht.

Michel Penke
Die blauen Wunderpillen sind auf dem Schwarzmarkt teurer als Koks - und das meist gefälschte Medikament der Welt.
Die blauen Wunderpillen sind auf dem Schwarzmarkt teurer als Koks - und das meist gefälschte Medikament der Welt.Foto: dpa

Monatelang haben sie seine Schritte belauert, Mails abgefangen und stundenlang Chats mitgelesen. Doch als Ermittler im April eine Wohnungstür in Frankfurt aufbrechen, ist er nicht zuhause. Der Mann, der Hunderttausenden Männern in Deutschland gefälschte Potenzmittel verkauft hat, ist untergetaucht. Fast drei Jahre bleibt er vom Radar der Ermittler verschwunden. Mit sechs verschiedenen Identitäten verschleiert der Chef der so genannten „Männerapotheke“, Matthias M., seinen Weg in ein Land ohne Auslieferungsabkommen mit Deutschland. In Uruguay fühlt er sich sicher und wird unvorsichtig. Er lässt von Südamerika aus deutsche Staatsanwälte bedrohen.

Uruguay hat kein Auslieferungsabkommen mit Deutschland

Doch Ermittler kommen ihm auf die Spur. In Montevideo wird er verhaftet, Anfang März fliegt Matthias M. unter Bewachung von Südamerika nach Deutschland; die Bundesregierung hatte Uruguay um seine Auslieferung gebeten.

Bald muss er sich vor dem Potsdamer Landgericht verantworten. Die Liste der Staatsanwaltschaft ist lang: Bildung einer kriminellen Vereinigung, bandenmäßiger Betrug, Schmuggel und – vor allem – Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz. Der Fall des Herrn M. ist der größte jemals in Deutschland aufgedeckte Schmuggel mit gefälschten Pharmazeutika. Dem 44-Jährigen droht eine langjährige Haftstrafe.

Viagra, Cialis und Levitra für 21,5 Millionen Euro ergaunert

Neben ihm sind sechs weitere Männer und eine Frau aus dem engeren Führungszirkel des Fälscherrings angeklagt. Die so genannte „Pillen-Bande“ oder „Männerapotheke“ hatte innerhalb von nur zwei Jahren 285.000 Mal gefälschte Schlankheitsmittel und die Potenzmittel Viagra, Cialis und Levitra verkauft und dabei 21,5 Millionen Euro ergaunert. Die Substanzen wurden in tschechischen Untergrundlaboren hergestellt. Dann wurden sie mit der Post nach Deutschland geschickt, neu verpackt und mit deutschen Briefmarken beklebt, um den Kunden ein Produkt „made in Germany“ zu suggerieren. Neben den acht Angeklagten arbeiteten 800 Webmaster für die „Pillen-Bande“. Für jeden neuen, zahlenden Kunden, den sie auf www.maennerapotheke.com oder www.pillendienst.com lockten, erhielten sie eine 30-Prozent-Provision; durchschnittlich 25 Euro pro Bestellung – und das bei allen zukünftigen Einkäufen.

Das Geschäft läuft gut – zu gut, um wieder aufzuhören

Dabei hatte alles klein begonnen: 2006 beginnen drei der Angeklagten, gefälschte Potenzmittel aus China nach Deutschland einzuführen. Ein eigenes Labor besitzen sie nicht. Doch das Geschäft läuft gut – zu gut, um wieder aufzuhören. Die Gier ist geweckt. Tarnfirmen folgen, man operiert von Büros im Ausland aus, das Geschäft expandiert. Schließlich entwickelt man ein eigenes Online-Bezahlsystem namens „we-pay“. Über dieses fließen die Gelder auf diverse Nummernkonten bei Banken in Limassol auf Zypern und in Prag. Nach und nach stellen sie neue Mitarbeiter ein: einen Chefdesigner für die Onlineauftritte und mehrere Programmierer. Einer von ihnen gibt später zu, 400.000 Euro für seine Arbeit bekommen zu haben. Von dem kriminellen Hintergrund seiner Auftraggeber will er zunächst nichts bemerkt haben. Später habe ihn der Bandenchef bedroht.


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