Wirtschaft : Viel Arbeit für den neuen Siemens-Chef

Von Pierer hinterlässt Kleinfeld einige Baustellen

Nicole Huss

München - Wenn Siemens-Chef Heinrich von Pierer am Donnerstag zum zwölften und letzten Mal die Jahresbilanz des Konzerns vorlegt, steht sein designierter Nachfolger Klaus Kleinfeld schon in den Startlöchern. Der 46-Jährige, der Ende Januar 2005 den Chefsessel des größten deutschen Technologiekonzerns übernehmen wird, weiß, dass Anleger und Analysten viel von ihm erwarten. Denn in dem „schönsten Job, der in der deutschen Industrie zu vergeben ist“ – so drückte es von Pierer einmal aus – gibt es derzeit eine Menge schwieriger Aufgaben zu lösen. Von Pierer wird seinem Nachfolger kein völlig geordnetes Haus übergeben. In dem Großkonzern mit seinen 13 Geschäftssparten und 417000 Mitarbeitern gibt es einige Baustellen.

Die größte Herausforderung für Kleinfeld wird die Zusammenlegung der Netzwerk- und Mobilfunksparten ICN und ICM zur Supersparte Siemens Communications mit einem Jahresumsatz von 17 Milliarden Euro und 60000 Mitarbeitern sein. Kleinfeld, der im Zentralvorstand von Siemens zuletzt für die Bereiche Information und Kommunikation zuständig war und die Strategieprogramme der vergangenen Jahre mitentwickelte, hatte die Umstrukturierung selbst angestoßen. Sie gilt als die weitreichendste Veränderung im Konzern seit Jahren.

Analysten hoffen, dass Siemens mit diesem Schritt im Netzwerkbereich wieder wettbewerbsfähig wird. Die Renditen der Kommunikationssparten waren in den vergangenen Jahren deutlich hinter den internen Vorgaben zurückgeblieben. Einige Analysten glauben auch, dass Kleinfeld sich von Teilen der Kommunikationssparte trennen, weitere Kooperationen eingehen oder neue Produkte ins Portfolio aufnehmen wird. Im Fokus steht dabei vor allem das schwankungsanfällige Handygeschäft, über dessen Verkauf schon öfter spekuliert wurde. Auch für das abgelaufene Quartal wird die Handysparte wieder einen Verlust ausweisen, obwohl Siemens ursprünglich in die Gewinnzone zurückkehren wollte. Jedoch machte dem Konzern eine Softwarepanne bei den Geräten der neuen 65er- Reihe einen Strich durch die Rechnung.

Von Kleinfeld wird in der Branche überdies erwartet, dass er unrentable Randaktivitäten – zum Beispiel die Sparte für Produktions- und Logistiksysteme oder den IT-Dienstleister SBS – abstößt. Handlungsbedarf gibt es auch bei der Transportsparte, die wegen Konstruktionsmängel bei den ,Combino’- Straßenbahnen und verzögerter Auftragsvergaben bei der Deutschen Bahn mit millionenschweren Rückstellungen kämpft. Neben der Kostenseite wird Kleinfeld hier auch das Image von Siemens wieder in Ordnung bringen müssen.

Abgesehen von diesen Sorgenkindern übernimmt Kleinfeld jedoch einen gesunden Konzern, der auch in der Konjunkturkrise mit soliden Geschäftsergebnissen aufwartete. Deshalb rechnen Branchenexperten kurzfristig nicht mit einem strategischen Rundumschlag Kleinfelds. Als Ertragsperlen gelten besonders die Sparten Medizintechnik, Kraftwerksbau, Automatisierungstechnik und die Lichttechnik-Tochter Osram. Zudem verfügt Siemens momentan über eine gut gefüllte Kriegskasse von mehr als zehn Milliarden Euro. Analysten erwarten daher, dass sich Kleinfeld verstärkt um weitere Zukäufe bemühen wird. Den ersten Schritt hat er mit dem Übernahmeversuch bei der österreichischen VA Tech schon gemacht.

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