Wirtschaft : Viel Geld weg

Angst vor Kapitalerhöhung belastet Thyssen-Krupp.

Berlin - Viel schlechter hätte der Start nicht laufen können. Der Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp wählte am Dienstag aus seinen Reihen einen neuen Vorsitzenden und gleichzeitig rauschte die Aktie in die Tiefe. Spekulationen über eine Kapitalerhöhung machten Spekulanten nervös und ließen sie massenhaft Aktien verkaufen. Tatsächlich wären die Folgen einer solchen Kapitalerhöhung eine Zäsur: Die Kruppstiftung, die mit 25,1 Prozent eine Sperrminorität hat, wird sich vermutlich nicht an einer Kapitalerhöhung beteiligen; der Anteil würde schrumpfen, die Sperrminorität wäre weg. Das wiederum käme einer kleinen Tragödie gleich für den großen alten Mann des Konzerns, der viele Jahrzehnte damit verbracht hat, den Einfluss der Kruppstiftung zu sichern: Berthold Beitz.

Beitz, der im September 100 Jahre alt wird, hatte vor zehn Tagen dem langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme den Rücktritt nahegelegt und sich damit selbst korrigiert. Noch im Dezember, als im Zusammenhang mit Korruption und Kartellverfahren Vorstandsmitglieder gehen mussten und auch Cromme unter Feuer kam, hatte sich der alte Mann vor seinen potenziellen Nachfolger an der Stiftungsspitze gestellt: „Cromme bleibt“, verkündete Beitz damals. Am Dienstag nun wurde Ulrich Lehner zu Crommes Nachfolger gewählt. Damit haben sich Beitz und auch der Vorstandsvorsitzende Heinrich Hiesinger, der den Mischkonzern entschlossen umbaut, indem er alle möglichen Geschäftsbereiche verkauft, den Schuldenstand zu drücken versucht und vor allem die Bedeutung des Stahls reduziert, für eine interne Lösung entschieden: Lehner (66), der einige Jahre den Waschmittelkonzern Henkel führte, sitzt bereits seit fünf Jahren im Thyssen-Krupp-Aufsichtsrat. Das bedeutet aber auch, dass er seit Jahren über Fehlentwicklungen informiert gewesen sein muss – oder sie nicht gesehen hat. Neben Kartellabsprachen im Aufzugsbereich, bei Schienen und im Flachstahl für die Autoindustrie sind das vor allem die Stahlwerke in Brasilien und in den USA, die 2011 in Betrieb gegangen sind. Die riesigen Anlagen waren mit elf Milliarden Euro mehr als doppelt so teuer wie geplant und lassen sich kaum wirtschaftlich betreiben. Abschreibungen auf die Fabriken führten im vergangenen Geschäftsjahr zu einem Verlust von rund fünf Milliarden Euro. Inzwischen stehen die Anlagen noch mit einem Wert von 3,9 Milliarden Euro in den  Büchern. Hiesinger will in Kürze die Werke verkaufen – und wenn er dabei unter 3,9 Milliarden bleibt, braucht er womöglich frisches Geld aus einer Kapitalerhöhung. alf

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