Wirtschaft : Viel Hoffnung auf den Krankenhaus-Effekt

ROLF OBERTREIS

Deutsches Defizit könnte auf unter drei Prozent schrumpfenVON ROLF OBERTREIS

FRANKFURT (MAIN).Deutschland könnte 1997 doch noch das Defizit-Kriterium von drei Prozent für die Europäische Währungsunion (EWU) erfüllen.Hauptgrund: Die Vorgaben des Statistischen Amtes der Europäischen Kommission - Eurostat - für die nationalen Rechnungslegungen.Sie weicht von der bislang üblichen Methodik der deutschen Statistiker ab.Bei der europäischen Rechnungslegung werden Krankenhäuser als Privatunternehmen betrachtet und damit dem Unternehmenssektor zugeordnet.Damit fließen Zuschüsse für Krankenhäuser, wie bisher in Deutschland üblich, nicht in die Berechnungen für das staatliche Defizit ein.Die Folge: Das Defizit dürfte in Deutschland in diesem Jahr um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte niedriger ausfallen.Sollte sich die Konjunktur günstig entwickeln, erwartet mancher Beobachter nun sogar, daß das Defizit auf 3,0 oder noch unter diesen Wert sinkt.Die Experten im Statistischen Bundesamt jedenfalls sind jederzeit intensiv damit beschäftigt, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) für das erste Halbjahr sowohl unter der bisher hierzulande gültigen Vorgabe als auch unter der von Eurostat harmonisierten Rechnungslegung zu ermitteln.Damit werden die Statistiker am 10.September zwei Zahlen vorlegen - einmal mit und einmal ohne Berücksichtigung der Krankenhäuser.Neu ist jetzt, daß auch die Zahlen für 1996 auf der Grundlage der Eurostat-Vorgabe überarbeitet werden.Damit, so vermuten Beobachter, werde das Defizit für 1996 von 3,8 auf nur noch 3,4 Prozent sinken.Entscheidender ist allerdings mit Blick auf die Währungsunion der Effekt der harmonisierten Rechnungslegung auf das Defizit für das Jahr 1997. Hans-Jürgen Meltzer, Deutschland-Experte bei der Deutsche Bank-Research, rechnet in diesem Jahr nicht mit einem Absinken des Defizits auf 3,0 Prozent oder sogar weniger.Er erwartet aufgrund der weiterhin eher schleppenden Konjunktur und den damit eingehenden eher schwachen Steuereinnahmen ein Defizit von 3,3 Prozent.Dabei haben die Experten der Deutschen Bank den "Krankenhaus-Abschlag" von 0,1 bis 0,2 Prozentpunkten bereits berücksichtigt.Warum der "Krankenhaus-Effekt" mit 0,4 Prozentpunkten 1996 größer gewesen sein soll als 1997, erschließt sich Meltzer nicht. Die jetzt notwendige Überarbeitung der Daten verweist einmal mehr auf die schwierige Vergleichbarkeit der volkswirtschaftlichen Zahlen der EU-Staaten.Während die Deutschen die Krankenhäuser immer einbezogen haben, haben andere Länder die Hospitäler und ihre Defizite oder die staatlichen Zuschüsse ausgeklammert. Deutsche Bank-Experte Meltzer deutet auf ein weiteres Problem hin, das derzeit unter den Statistikern diskutiert wird.Sollen Effekte, die erst 1998 wirksam werden, schon in die Berechnungen für 1997, das für die EWU entscheidende Jahr, einbezogen werden? Dies trifft etwa für die Schattenwirtschaft zu.Hierzulande fließt sie nach Angaben von Meltzer nur mit einem kleinen Anteil in das BIP ein.In Italien dagegen sei sie ein ganz erheblicher Faktor.Wird aber das BIP durch einen solchen Effekt vergrößert, sinkt automatisch das staatliche Defizit, weil es sich an der Höhe des BIP orientiert.Möglicherweise wird 1997 die Schattenwirtschaft und damit die Schwarzarbeit auch hierzulande dem BIP zugeschlagen.Der Effekt wäre beträchtlich: Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) erreicht die Schwarzarbeit in Deutschland 1997 ein Volumen von etwa 550 Mrd.DM.Dies entspricht 15 Prozent des BIP.In Italien sollen es sogar 25 Prozent und in Belgien 21 Prozent sein.

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