Wirtschaft : "Viel zu selten steht der Mensch im Mittelpunkt"

LARS  TÖRNE

BERLIN .Die Personalarbeit von Unternehmen und öffentlicher Verwaltung befindet sich im Umbruch.Allzu oft jedoch hinkt die Praxis der Theorie hinterher, neue Erkenntnisse werden nur sehr langsam umgesetzt.Das wurde am Mittwoch abend beim "Treffpunkt Tagesspiegel" deutlich.Im Hotel Inter-Continental diskutierten sechs Experten unter der Moderation des früheren Wissenschaftssenators George Turner über neue Ansätze und Zukunftsperspektiven der Personalarbeit.Die engagierten Wortbeiträge und Fragen aus den Reihen der mehr als 200 Gäste zeigten, daß das Thema offenbar vielen Verantwortlichen auf den Nägeln brennt.

Einen Konflikt zwischen Anspruch und Wirklichkeit bei der Personalarbeit stellte Dieter Wagner fest.Der Personalexperte und Lehrstuhlinhaber der Universität Potsdam beklagte, daß modernes Personalmanagement zwar einerseits heute wichtiger denn je sei.Andererseits würden die Personalabteilungen der Betriebe aber immer kleiner, könnten oft kaum die nötige "Kärrnerarbeit" erledigen und würden zu wenig mit den jeweiligen Fachabteilungen zusammenarbeiten.Zu selten laute das Motto: "Der Mensch steht im Mittelpunkt." Statt dessen heiße es: "Der Mensch ist ein Mittel.Punkt." In Zukunft werden von neuen Mitarbeitern immer stärker überfachliche Kompetenzen gefragt sein, prognostizierte Alan Griffin, Niederlassungsleiter der Unternehmensberatung Rundstedt und Partner.Da Routinearbeiten immer häufiger computergestützt erledigt würden, würden bei der Auswahl des richtigen Personals zunehmend soziale Kompetenzen gefragt, wie Sensibilität oder Kommunikationsfähigkeit.

Das Rezept von Gerhard Hehl für eine erfolgreiche Personalpolitik lautet "Aufstieg vor Einstieg".Der Personalleiter des Holtzbrinck-Verlages sagte, daß die beste Methode zur Auswahl von Führungskräften darin bestehe, bestimmte Personen über einen längeren Zeitraum zu verfolgen und dann intern zu befördern."Personalarbeit ist in erster Linie Arbeit an Menschen, die schon im Unternehmen sind - und nicht eine Kombination aus Feuern und Neueinstellen", sagte Hehl.

Den gezielten Einsatz von Belohnung und Strafe präsentierte Utz Claassen als Mittel zu erfolgreicher Personalarbeit.Gute und schlechte Leistungen müßten zu direkt spürbaren Konsequenzen führen, forderte der Vorstandsvorsitzende der Sartorius AG.So werde in seinem Unternehmen anhand einer "watchlist" ermittelt, welche Abteilungen am stärksten hinter ihren Zielen hinterherhinken.Die Mitarbeiter müßten dann Maßnahmen nachweisen, um Abhilfe zu schaffen - oder sie werden durch finanzielle Kürzungen oder Versetzungen sanktioniert.

Walther Stützle, Chefredakteur des Tagesspiegels, forderte nicht zu vergessen, daß es bei Personalarbeit um Menschen gehe.Die Mitarbeiter müßten spüren, daß sie wichtig sind, dann würden sie auch gute Arbeit leisten."Nichts ist so unproduktiv wie das Gefühl, nicht gebraucht zu werden", sagte Stützle."Und nichts ist für die Motivation so förderlich, wie das Gefühl als Individuum wichtig zu sein."

Wenn ein Beispiel für mißlungene Personalarbeit gesucht wird, bietet sich offenbar nach wie vor ein Blick auf die öffentliche Verwaltung an, wie Erich Pätzold, ehemaliger Senator und Mitglied der Lenkungsgruppe Verwaltungsreform, deutlich machte.Trotz mancher moderner Ansätze leide die Berliner Verwaltung unter ihren Altlasten: Während im Bundesdurchschnitt auf 100 Bürger ein Verwaltungsmitarbeiter komme, sei in der Hauptstadt das Verhältnis zehn zu eins."Aber dadurch wird nicht etwa schneller und besser gearbeitet, sondern langsamer und komplizierter", so Pätzold.Hilfreich sei allerdings die aktuelle Finanzkrise, die nötige Verschlankungen beschleunige.

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