Wirtschaft : Viel zu tun in der Leiharbeit

Branchenprimus Adecco steigert den Umsatz um 24 Prozent / Rund 650 000 Zeitarbeiter in Deutschland

Christoph Giesen

Berlin - Der Schweizer Personaldienstleister Adecco hat im zweiten Quartal seinen Umsatz in Deutschland um 24 Prozent auf 251 Millionen Euro steigern können. Eingerechnet sind bereits die Ergebnisse von DIS und Tuja, die Adecco 2006 und 2007 gekauft hatte. „Nach den beiden Übernahmen sind wir mit 13 Prozent Marktanteil der Marktführer in Deutschland“, sagte Tanja Siegmund, Sprecherin von Adecco.

In Deutschland sind Personaldienstleister sehr erfolgreich. „Die Zeitarbeit ist eine regelrechte Boombranche“, sagte Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Zum Beispiel in Berlin wurden im Juli von 15 560 neuen Stellen 3400 von Zeitarbeitsfirmen angeboten, das entspricht einem Anteil von rund 22 Prozent. Im Juli 2006 wurden in Deutschland sogar rund 75 Prozent aller neuen Arbeitsplätze von Arbeitsverleihern bereitgestellt. „Das ist einfach zu erklären“, sagte Frauke Wille von der Bundesagentur für Arbeit. „Nachdem die Konjunktur angezogen hat, haben viele Unternehmer zunächst auf Zeitarbeitnehmer zurückgegriffen.“ Doch jetzt, da sich der Aufschwung stabilisiert habe, würden Firmen verstärkt selbst einstellen.

Seit 2003 gibt es eine Verdoppelung der Zeitarbeit in Deutschland. Der Bundesverband Zeitarbeit schätzt, dass etwa 650 000 Arbeitsplätze in der Zeitarbeit bestehen, davon rund 27 000 in der Region Berlin-Brandenburg. Das sind etwa 1,5 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland. In Großbritannien arbeiten rund fünf Prozent der Beschäftigten als Leiharbeiter. „Wir sind noch ein Zeitarbeits-Entwicklungsland. Ich gehe davon aus, dass wir bis 2010 etwa eine Million Arbeitnehmer in der Zeitarbeit haben werden“, sagte Volker Enkerts, Präsident des Bundesverbandes Zeitarbeit. Das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle prognostiziert sogar, dass 2017 etwa fünf Millionen Menschen für Zeitarbeitsfirmen arbeiten werden.

Ein Schreckensszenario für Friederike Posselt, Referatsleiterin Tarifpolitik beim DGB. „Die Entlohnung in der Zeitarbeit ist nicht gerade üppig.“ Jeder achte Zeitarbeitnehmer sei nebenher noch auf Hartz IV angewiesen. Zwar würden nach DGB-Tarifvertrag 7,38 Euro brutto bezahlt, doch einige christliche Gewerkschaften hätten Haustarifverträge ausgehandelt, die weniger als fünf Euro Lohn pro Stunde vorsähen. „Man sollte aber nicht vergessen, dass etwa 30 Prozent der Arbeitnehmer in den Unternehmen übernommen werden“, sagte Verbandspräsident Enkerts. Beim DGB bezweifelt man das: „Befragungen von Betriebsräten haben ergeben, dass weitaus weniger Mitarbeiter kleben bleiben, höchstens 15 Prozent“, sagte Posselt.

Ausgelöst wurde der Boom der Branche durch die Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Regierung. Durften Zeitarbeitsfirmen vor 2004 Arbeitnehmer nicht länger als zwölf Monate beschäftigen, können nun unbefristete Verträge abgeschlossen werden. Heutzutage ist der Einsatz von Leiharbeitern unkomplizierter als der Einsatz von befristeten Arbeitnehmern. „Früher waren wir nur Feuerwehrleute, heute werden wir gebraucht“, sagte Enkerts. Momentan gibt es knapp 5000 Anbieter auf dem deutschen Markt, die etwa 12,4 Milliarden Euro pro Jahr umsetzen.

Es gibt aber auch negative Entwicklungen: „Gerade in Ostdeutschland wird teilweise zu stark auf Zeitarbeit gesetzt“, sagte Enkerts. Im neuen Leipziger BMW-Werk sind beispielsweise 1000 Arbeitnehmer von insgesamt 3800 Mitarbeitern bei Zeitarbeitsunternehmen unter Vertrag. „Ob das für die Werke noch gesund ist, wage ich zu bezweifeln.“ Ein massiver Know-how-Verlust sei zu befürchten. Christoph Giesen

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