Wirtschaft : Viele Projekte scheitern durch Flausen im Kopf

Wie gemeinschaftliches Wohnen Wirklichkeit werden kann

Insa Lüdtke
Jeder Zug will überlegt sein. Nur wer sich Zeit nimmt, erreicht früh sein Ziel. Dies gilt vor allem für Bauprojekte und gemeinschaftliches Wohnen. Foto: djd/Ergo Direkt Versicherungen
Jeder Zug will überlegt sein. Nur wer sich Zeit nimmt, erreicht früh sein Ziel. Dies gilt vor allem für Bauprojekte und...Foto: djd

Eva-Maria Hässler beschäftigt sich seit sechs Jahren mit ihrem Vorhaben, im Alter in Gemeinschaft zu leben. Zwar haben sich immer wieder Interessenten für eine Gruppe gefunden, dann haben sich Einzelne jedoch auch wieder verabschiedet. Grundstücke und Immobilien wurden gesichtet, Architekten zeichneten Pläne – und alles wurde wieder verworfen. „Ich habe mir hierfür zehn Jahre gegeben“, sagt die Wahl-Berlinerin Hässler.

Sie macht neben den internen Gründen ebenso strukturelle Ursachen für das Scheitern von Projekten verantwortlich. Das Themenfeld werde aus ihrer Sicht von Politik und Wirtschaft immer noch als Nischenthema gesehen, „dabei brauchen wir Vielfalt der Wohnformen“, betont die 71-Jährige. Es heißt doch noch lange nicht, dass man die gleichen Vorstellungen vom Leben und Wohnen haben müsse wie der Nachbar gleichen Alters. Hässler findet, dass sich dabei alles auf Freiwilligkeit gründen müsse, und lehnt Gemeinschaft als Pflichtübung ab. „Gerade im Alter will ich frei sein“, betont Hässler. Was nicht ausschließe, sich gerne für die Nachbarschaft im Haus oder für das Quartier zu engagieren. „Aber bitte aus freien Stücken“, erklärt Hässler.

Neben Angeboten, sich durch Internetportale über gemeinschaftliches Wohnen zu informieren oder als Gruppen zu finden wie etwa unter www.wohnprojekte- portal.de oder www.fgwa.de, hat die Stattbau GmbH (www.stattbau.de) im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung eine Beratungsstelle für generationenübergreifendes Wohnen in Berlin eingerichtet. Das vierköpfige Team verfügt über langjährige Praxiserfahrung in baufachlichen, finanzierungstechnischen, rechtlichen und sozialorganisatorischen Fragen des Bauens und Wohnens in der Gemeinschaft und im Generationenverbund.

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels nimmt die Zahl der Single-Haushalte insbesondere im Alter immer mehr zu. „Zugleich stellen wir fest“, berichtet Constance Cremer von Stattbau, „dass sich immer mehr Menschen für gemeinschaftliche Wohnformen und wechselseitige Unterstützung interessieren.“ Dabei spielen finanzielle Überlegungen im Hinblick auf Senkung der Kosten eine eher untergeordnete Rolle. „Häufig fehlt es Gruppen jedoch an Erfahrungswissen“, hat Rolf Novy-Huy festgestellt. Viele Projekte scheitern oder es kommt nicht einmal zur Projektarbeit, wenn der Gruppenprozess nicht achtsam entwickelt wird, so dass sich Teilnehmer vorzeitig verabschieden und entscheidende Zeitfenster für notwendige Planungsschritte wie etwa das Sichern eines Grundstücks verpassen. Novy-Huy ist Banker und Geschäftsführer der Stiftung trias, die sich im Bereich gemeinschaftliches Wohnen engagiert. „Eine gewisse Objektivierung des Themas ist zu begrüßen“, erklärt Novy-Huy, „häufig gibt es große Illusionen.“ Viele Interessenten vergäßen, dass ein solches Projekt ein unternehmerisches Vorhaben sei.

Vor allem der Faktor Zeit wird von den Gruppen oft unterschätzt. Wenn Prozesse nicht zielgerichtet gesteuert werden, können ergebnislose Treffen zum bedeutenden Kostenfaktor werden und sogar Grund dafür sein, dass Projekte vorzeitig scheitern. Honorare für professionelle Berater erscheinen zwar häufig hoch, dabei seien Honorare in Höhe von etwa ein bis drei Prozent der Baukosten eine überschaubare und lohnende Investition, rechnet der Banker vor. Neben dem Faktor Effizienz kann auch professionelles Auftreten entscheidend sein. Jede Branche spreche ihre eigene Sprache, deshalb sei auch eine Art von Übersetzungskompetenz wichtig.

Auch die Kölner Sozialwissenschaftlerin Anne Dellgrün begleitet selbstinitiierte Gruppen bei der Realisierung von gemeinschaftlichen Wohnprojekten. Sie befürwortet allerdings eine vielfältige Gruppenstruktur von Jung und Alt, krank und gesund, Familien und Singles. „Mischung ist gut“, betont Dellgrün. Ein Mix sei ein gutes Fundament, gerade wenn es darum gehe, bei Partnern wie Banken oder der Wohnungswirtschaft vorstellig zu werden. Insa Lüdtke

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