Wirtschaft : Viele Schultern tragen die finanzielle Last von Eschede

SIMONE MATTAEI

DÜSSELDORF .Ulrich Bockrath zeigt sich zugeknöpft.Nur zögernd kommt ihm ein Satz über die Lippen."Daten, die unseren Kunden, die Deutsche Bahn AG, betreffen, geben wir nicht heraus", sagt der Pressereferent des Versicherers Axa Colonia.Die Diskretion gehört zum Geschäft.Schließlich geht es um die Millionen, die an die Hinterbliebenen und Verletzen des ICE-Unfalls in Eschede gezahlt werden müssen.Von 50 bis 100 Mill.DM ist die Rede.Volker Gasser, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit beim Gerling-Konzern, schätzt den Schaden sogar noch höher ein und spricht von über 150 Mill.DM, die allein für die Haftpflichtschäden anfallen werden.Dazu kommen noch die Kosten des zerstörten Zuges von etwa 50 bis 60 Mill.DM plus die Lebens- und Unfallversicherungen der Geschädigten.

Bei diesen Summen wundert es nicht, daß die Last auf mehreren Schultern liegt.Die Bahn hat einen Haftpflichtvertrag über 50 Mill.DM abgeschlossen.Vertragspartner ist ein Konsortium, dem 16 deutsche Versicherer angehören, mit der Axa Colonia an der Spitze.Doch die Bahn hat sicherheitshalber noch ein zweites Versicherungspaket geschnürt.Laut Gerling-Konzern ist dabei das US-Konsortium XL Europe mit Sitz in Dublin, Vertragspartner der Bahn.Diese Gruppe stellt nochmals, falls benötigt, 250 Mill.DM bereit.Insgesamt sind damit Haftungsschäden von 300 Mill.DM gedeckt - Summen, unter denen selbst große Versicherer stöhnen.Deshalb müssen sich die Erstversicherer nochmals bei sogenannten Rückversicherern abdecken.

Von den 50 Mill.DM, für die das deutsche Konsortium im Wort steht, bezahle allein die Axa Colonia 30 Prozent, sagt Claas Kleyboldt, Vorstandschef der Axa Colonia.Der Gerling-Konzern ist nach eigenen Angaben mit 14 Prozent dabei.Ebenso die Allianz.Volker Gasser vom Gerling-Konzern weiß, daß sich die Bahn zudem mit einer Transportversicherung in Höhe von 450 Mill.DM abgesichert hat, die die Schäden am Zug einschließlich der Bergungsarbeiten abdecken sollen.Wieder ist ein Konsortium Vertragspartner und wieder sind die großen der Branche darin vertreten.60 bis 70 Mill.DM wird die Bahn aus diesem Versicherungstopf benötigen, um die Schäden am ICE-Zug zu erstatten.Davon wird die Allianz 12,7 Prozent tragen, Gerling 20 Prozent.Insgesamt wird die Axa Colonia jedoch für alle Schäden nicht mehr als fünf bis sechs Mill.DM netto aus eigenen Mitteln bereitstellen müssen, meint Kleyboldt.Den Rest übernehmen die Rückversicherer.

Unternehmen, wie die Münchener oder die Hannoversche Rück, ermöglichen es, die Summen auf viele Gesellschaften zu verteilen und so das Risiko zu streuen.Doch viele Erstversicherer schließen nur noch für außergewöhnliche Härtefälle Rückversicherungsverträge ab, weil ihnen die Prämie zu hoch sind.

Eschede ist ein Härtefall.Auch für die Bahn.Sie trägt zwar bei der Schadensregulierung nur einen Eigenanteil von 500 000 DM.Doch sie muß die Fälle abwickeln.Bahnchef Ludewig hat deshalb zusätzlich elf Mitarbeiter nach Hannover geschickt, um den Ansturm zu bewältigen.Immerhin wurden bisher 199 Haftpflichtansprüche und 120 Anträge auf Soforthilfe gestellt.Bisher wurden von der Bahn 403 000 DM an Haftpflichtzahlungen geleistet.Kulant will sich die Bahn beim Schmerzensgeld geben, obwohl ihr dabei eigentlich ein Verschulden nachgewiesen werden muß.Nur ob die Bahn für das gebrochene Rad verantwortlich ist, ist bis heute unklar.

Der Fahrgastverband "Pro Bahn" zweifelt jedoch, ob Großzügigkeit ausreicht.Nach dem derzeit gültigen Haftpflichtgesetz müssen Unternehmen nur für die Heilungskosten uneingeschränkt aufkommen.Eine Rente für bleibende Körperschäden ist auf 30 000 DM pro Jahr und Person begrenzt.Für Sachschäden wird je Ereignis nur mit bis zu maximal 100 000 DM gehaftet.Auch an dem Gesetzentwurf, der im Bundestag noch beraten wird, übt der Verband Kritik.Der Entwurf sieht vor, die Renten auf 60 000 DM sowie die Sachschäden auf 500 000 DM zu erhöhen.Doch "Pro-Bahn"-Jurist Rainer Engel hält auch diese Summen für viel zu niedrig.

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