Wirtschaft : Vier alle

Dagmar Rosenfeld

In Wetzlar-Blankenfeld reihen sich schmucke Einfamilienhäuser aneinander, die Hecken in den Vorgärten sind keinen Zentimeter zu lang, und Porzellanfigürchen zieren die Fensterbänke. Eine Wohnsiedlung wie es hunderttausende in Deutschland gibt - und doch auch wieder nicht. Denn hier in Wetzlar-Blankenfeld ist der gute Geschmack zu Hause. Hier wohnt Familie Caspari.

Casparis testen Markenprodukte. Ihr Urteil entscheidet darüber, welches Spülmittel oder welche Zahnpasta einen Platz in der vorderen Reihe der Supermarktregale verdient. Die Familie gehört zu den 60 000 Haushalten, die für das NFO-Test Panel Institut (TPI), eine Tochter des Marktforschers Infratest, Produkte unter die Lupe nehmen.

Ihre Aufgabe als Tester nehmen Casparis sehr ernst. Sie prüfen die Produkte genau, bevor sie ihre Bewertung abgeben - obwohl sie für diese Arbeit keinen Cent bekommen. "Wir vertreten ja sozusagen die deutschen Verbraucher", sagt Heinz Caspari nicht ohne Stolz. Da müsse alles seine Ordnung haben.

Dann erzählt er von einem Bier-Test, für den er extra ins 20 Kilometer entfernte Gießen gefahren ist. Dort hat er zusammen mit neun anderen Bier-Experten die Werbekampagnen einzelner Brauereien bewertet. Und gleich auch ein paar Verbesserungsvorschläge auf den Fragebögen notiert. "Schließlich erfahren die Firmen nur durch solche Tests, was wir Kunden wirklich denken, und das ist natürlich ganz wichtig", erklärt Heinz Caspari den Zweck seines Tuns.

Überhaupt verkaufe die Werbung den Verbraucher oft für dumm, findet Frau Caspari. Besonders die Waschmittelreklame bringt sie auf die Palme: "Hier wird uns Hausfrauen vorgegaukelt, mit einem Löffelchen Pulver werden Kiloladungen dreckiger Wäsche wieder lupenrein." Das kann Petra Caspari nicht glauben. Und so testet sie Waschmittel. Da wird nämlich Glauben durch Erfahrung ersetzt.

Frau Caspari hat für das TPI schon einige Waschmittel getestet. Längst nicht alle Produkte haben gehalten, was sie in der Werbung versprochen haben. Zuletzt stand ein Weichspüler auf dem Prüfstand, der das Bügeln leichter machen sollte. "Die Hemden waren tatsächlich besser zu bügeln", urteilt die kritische Testerin. Aber die dunkle Wäsche sei von dem Weichspüler fleckig geworden. Das hat Frau Caspari natürlich auf dem Fragebogen vermerkt, den sie nach der Test-Woche ausgefüllt hat.

Die beantworteten Fragebögen landen dann wieder im Test Panel Institut, wo die Ergebnisse anonymisiert ausgewertet und an die Auftragsunternehmen weitergeleitet werden. In der Regel dauert eine solche Testphase inklusive Auswertung vier Wochen - ein riesiger logistischer Aufwand. Zunächst müssen aus den zehntausenden Haushalten, die in der TPI-Datenbank gespeichert sind, die richtigen Tester rausgesucht werden. "Nicht jeder bietet sich für den Test von Gebissreinigern an", erläutert der stellvertretende Geschäftsführer Volker Benk. Oder für Intikontinenzprodukte.

Über das Leben seiner Testpersonen muss er deshalb fast alles wissen: Alter, Einkommen, Wohnsituation, Einkaufsverhalten und Konsumgewohnheiten. "Wir wissen sogar, was bei den Leuten im Kühlschrank steht", sagt Benk. In einer Voranfrage ermittelt das TPI, wer sich am besten für das Testprodukt eignet. In der Regel nehmen dann 1000 Haushalte teil, wenn ein neuer Schokoriegel oder eine Zahnpasta erprobt werden soll.

Bei Casparis sorgen die Voranfragen auch nach vier Jahren Testerdasein noch immer für Aufregung. "Da wartet man dann gespannt darauf, ob man dabei ist", sagt Frau Caspari. Bei der letzten Voranfrage hat Petra Caspari den Zuschlag bekommen - und nicht nur sie, sondern auch ihre 13-jährige Tochter Marie. Die Frage, was sie getestet habe, ist Marie ein bisschen peinlich: "Damenbinden." Ihr Bruder Jan kichert.

Jan hat noch nie etwas testen dürfen. Für Bier ist er zu jung, Waschmittel interessieren ihn nicht. Dabei würde Jan liebend gerne auch einmal in Aktion treten. Zumal die Jungs aus seiner Klasse es "krass" finden, dass Casparis zu den Testern gehören.

Die Damenbinden sind bei den Caspari-Frauen richtig gut angekommen, vor allem Mutter Petra ist begeistert. Die seien wunderbar dünn. "Wenn die Binden im Handel erhältlich sind, greife ich ganz bestimmt zu", sagt sie. Das ist aber gar nicht so leicht. Denn Casparis wissen nach einem Test zwar genau über die Vorteile eines Produktes Bescheid. Nur den Markennamen und den Hersteller erfahren sie nicht.

Wenn Casparis selber einkaufen gehen, kaufen sie nur qualitativ hochwertige Markenprodukte. "Wir sind zu arm, um etwas wegzuschmeißen", erklärt Heinz Caspari. Deshalb werde eben nur die beste Qualität gekauft. Ärgerlich ist nur, wenn die Produkte nicht halten, was der Preis verspricht. Der Protest der Normalverbraucher ist zwar wirksam: Sie lassen den Artikel zukünftig einfach im Regal stehen. Um genau dieses Risiko zu minimieren, schicken Firmen ihre Produkte zu den TPI-Testhaushalten.

"Im Interesse der Verbraucher den Herstellern die Chance geben, ihre Artikel zu verbessern" - darin sehen Casparis ihre Mission. Und deshalb opfern sie auch gerne einen Teil ihrer Freizeit für die Testerei. Auch wenn Tochter Marie das Ausfüllen der Fragebögen manchmal "echt nervig" findet. Die Meinung von Marie und den anderen Testern ist für die TPI-Kunden von großem Wert. "Sie geben den Unternehmen eine aktuelle Wasserstandsmeldung", sagt Benk. Denn die Hersteller erfahren so, welchen Stellenwert ihr Produkt auf dem Markt hat.

In Wetzlar, in der Siedlung mit den hübschen Häusern, ist nicht nur eine Familie anders als die anderen. Wetzlar ist eine Hochburg der Produkttester. Manche von ihnen kennt Frau Caspari. Und manchmal fragt sie sich, warum sie Waschmittel testen muss, wenn die anderen Parfüm kriegen. Dann fühlt sie sich auf die Probe gestellt.

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