Wirtschaft : Vier rote Lichter und du bist tot

In einem Simulator in Großbeeren kann man Airbus und Boeing für 129 Euro die Stunde fliegen

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Ganz echt fühlt sich das Cockpit an, von dem jeder Flughafen der Welt angeflogen werden kann ohne abzuheben. Foto: promo
Ganz echt fühlt sich das Cockpit an, von dem jeder Flughafen der Welt angeflogen werden kann ohne abzuheben. Foto: promo

Das kleine gelbe Dreieck auf dem blauen Kreis bewegt sich ganz leicht nach links. Auch der Horizont hängt ein wenig schief. Gegensteuern, warnt die Anzeige, sonst driftet das Flugzeug immer weiter nach links. Schwierig ist das nicht: Das Steuerhorn einfach ein kleines Stückchen nach links bewegen und die Maschine bleibt auf Kurs. Einen Triebwerksausfall stellt man sich eigentlich dramatischer vor. Klemens Klein grinst. „Wenn es keine Rauchentwicklung gibt, merken die Passagiere gar nichts“, sagt er. Und das ist Teil seiner Geschäftsidee.

Es ist gar kein richtiges Flugzeug, in dem er sitzt. Wolken, Häuser und Flüsse sind nur simuliert. Trotzdem kann man in den Cockpits der EVS Flighttraining GmbH in Großbeeren viel lernen. Zum Beispiel, dass viele Ängste in der Luft völlig unbegründet sind. Eine Maschine stürzt nicht einfach ab, nur weil ein Triebwerk ausfällt. Damit das jeder selbst ausprobieren kann, bietet Geschäftsführer Klemens Klein Flugstunden für jedermann an. Für 129 Euro die Stunde kann man hier fliegen, ohne abzuheben.

Vier Flugsimulatoren stehen im ersten Stock eines weitläufigen Bürohauses im Gewerbegebiet Großbeeren. In Räumen, die nicht größer als 20 Quadratmeter sind, mit schwarz verklebten Scheiben, damit das Sonnenlicht die Projektionen der Bilder auf die Leinwände nicht stört. Im Flightcenter gibt es Cockpit-Nachbauten einer Boing 737 und eines Airbus 320, die jeden Flughafen der Welt virtuell ansteuern können, ob Hongkong, Rio de Janeiro oder New York. Der Klassiker für die erste Flugstunde ist jedoch ganz einfach: Um Start und Landung simulieren zu können, geht es von Tegel nach Schönefeld. Und das ist gar nicht so alltagsfern, wie es klingt. Als 2010 wegen der Aschewolke tagelang nicht geflogen werden konnte, sind viele Piloten diese Strecke geflogen, erklärt Klemens Klein. „Tegel war zugeparkt. Das Absurde ist ja: Wenn man alle Maschinen auf der Welt landen ließe, gäbe es niemals genug Stellplätze."

Die Sonnenbrille lässig auf dem Kopf, erklärt er die Knöpfe, Schalter und Anzeigen im A320. Mit seinen kurzen roten Haaren sieht Klein entweder deutlich jünger aus, als er ist, oder er ist viel zu jung, um seit 1991 Geschäftsmann zu sein. Der Traum vom Fliegen packte ihn schon als Kind; sobald er alt genug war, nahm er Flugstunden. Als er mit Immobilien Geld verdient hatte, war das Erste, was er sich kaufte, ein Flugzeug. Um Pilot zu werden, ist er allerdings zu klein gewachsen. Also hatte er die Idee, zumindest die Illusion für andere Flug-Begeisterte zugänglich zu machen.

Klein programmiert die Route über den Bordcomputer ein und gibt eine ausführliche Einweisung in die verschiedenen Instrumente: Pedale für die Seitenruder, Schubhebel zum Gasgeben, Fahrwerk, Klappen, Parkbremse. Der künstliche Horizont ist ganz wichtig, um in der Luft nicht die Orientierung zu verlieren, wenn es bewölkt ist. „Wenn man damit nicht umgehen kann“, sagt Klein, „beträgt die durchschnittliche Überlebensdauer 82 Sekunden.“

Er geht die Checkliste durch. „Das macht jeder Pilot, egal wie lange er schon geflogen ist“, sagt er und stellt das Rauschen an, um das echte Cockpitgefühl zu verstärken. Es wird laut: Pilot und Co-Pilot können nun kaum noch miteinander sprechen, dafür sind ihre Steuerhörner wie in der Fahrschule verbunden. Drückt der eine es nach vorn, muss der andere mit. Und auch das ist für viele Kunden ein interessanter Aspekt.

Firmen buchen das Flugcenter für Feiern oder als Teambuilding-Maßnahme für Führungskräfte. „Eine Landung ist ein Projekt, das Führungskräfte gemeinsam durchführen“, sagt Klein. „Es ist auf einer spielerischen Ebene ein gutes Training für Austausch und Kommunikation.“ Firmen können das ganze Haus für einen oder mehrere Tage mieten und nach Belieben in allen vier Simulatoren fliegen. Klein leitet normalerweise nicht selbst an, dafür hat er ehemalige Verkehrspiloten, Fluglehrer oder Simulatorinstruktoren engagiert. Der Geschäftsführer versteht sein Flugzentrum als Eventlocation, bietet für Firmentage verschiedene Catering-Varianten und Rahmenprogramm an, der Preis ist Verhandlungssache.

Der Höhenmesser zeigt 130 Fuß, als sich die Projektion auf der Leinwand langsam in Bewegung setzt. V1 heißt die Geschwindigkeit, die Klein zuvor „Point of no Return“ genannt hat. „Jetzt gibt es kein Zurück mehr, wir müssen starten“, sagt er. Das Drücken der meisten Knöpfe erledigt er selbst, plappert in einem fort englische Kommandos vor sich hin. „Steuerhorn nach hinten ziehen!“, ruft er. Die Maschine hebt ab. „Die Stadt wollen wir vermeiden“, sagt Klein und fliegt gleich nach dem Start eine krasse Linkskurve, immer der magentafarbenen Linie hinterher, die der Bordcomputer anzeigt. Innerhalb einer Minute geht es hoch auf 1000 Fuß, weitere drei Minuten später zeigt die Anzeige schon die gewünschten 4000 Fuß an.

Normalerweise macht all das der Autopilot, erklärt Klemens Klein. Das sei vor allem für Menschen mit Flugangst beruhigend. Manuell zu fliegen ist im Übrigen ein ziemlicher Kraftaufwand. Auf dem Steuerhorn lasten zehn Kilo, das wurde auch im Cockpit in Großbeeren so originalgetreu nachgebaut. Erst 2009 hat Klein den Airbus in Betrieb genommen, der einzige dieser Art in Deutschland. „Es ist zu 98 Prozent wie im richtigen Cockpit“, sagt er. Die richtigen Flugsimulatoren, in denen Fluggesellschaften ihre Piloten schulen, sind wesentlich aufwendiger. Im Gegensatz zu Kleins abgespeckter Version sind die größer, bewegen sich im Raum, kosten aber auch um die 15 Millionen Euro, weshalb dort auch eine Flugstunde um die 800 Euro kostet. Weil Klein für seinen A320 nur eine sechsstellige Summe bezahlt hat, kann er die Flugstunden deutlich günstiger anbieten. Und auch für angehende Piloten, die zusätzlich trainieren wollen, kann die Anlage in Großbeeren interessant sein. Die Illusion stimmt: Obwohl sich außer den Bildern auf der Leinwand nichts bewegt, hat man das Gefühl, tatsächlich in der Luft zu schweben.

Kleins Partner von der Firma Ipilot bauen dieses Konzept gerade europaweit aus. Am Münchener Flughafen gibt es schon einen Simulator, noch in diesem Jahr sollen Düsseldorf, Hamburg und Frankfurt eröffnet werden. Für den neuen Großflughafen BBI ist bislang allerdings nichts geplant.

Klein drückt ein paar Knöpfe, um die Geschwindigkeit zu reduzieren. Nicht einmal fünfzehn Minuten hat der Flug nach Schönefeld gedauert. Eine Linkskurve an Tegel vorbei, noch zwei Mal nach links, immer darauf achten, dass die Höhe stimmt, ab und zu den Kurs korrigieren und schon leuchten die Lichter der Landebahn in Schönefeld auf.

Das Steuerhorn nach vorn, heißt: Nase runter, sinken. Das einprogrammierte Wetter ist gut, Klein hat darauf verzichtet, Nebel oder Unwetter einzubauen. „Wir können nach Sicht landen“, sagt er. Zwei weiße und zwei rote Lichter markieren die Landebahn, sie wechseln je nach Einflugwinkel. Den Spruch: „Four red, you’re dead“ sollte man sich merken, erklärt Klein. Vier rote und du bist tot. „Wenn wir zu hoch sind, sehen wir vier weiße Lichter, aber wenn wir zu niedrig sind, sehen wir vier rote“, und das kann dann unangenehm ausgehen. „Wir haben jetzt zwei weiße und zwei rote, das heißt, wir kommen perfekt rein.“

Eine Minute später steht die Maschine sicher auf der virtuellen Landebahn in Schönefeld. „Frauen sind die besseren Piloten“, sagt Klein. „Sie fliegen meist viel sauberer, wenn sie es zum ersten Mal machen.“ Trotzdem sind 85 Prozent der Besucher männlich. Die meisten von ihnen wollen gleich noch einmal abheben. In einer Stunde schafft man noch den Rückflug nach Tegel und kann dann schon ein paar Knöpfe mehr drücken als beim ersten Mal. Oder man fliegt zum Abschluss eine gemütliche Runde über Manhattan.

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