Wirtschaft : "Vierte Kraft": Fusion zum drittgrößten Stromkonzern geplatzt

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Die seit Monaten vorbereitete Fusion der Stromversorgungsunternehmen Bewag, HEW, Veag und Laubag zum drittgrößten deutschen Stromkonzern ist geplatzt. Nach mehrstündigen Beratungen der Vorstandschefs der beiden Eigentümer aller vier Fusionskandidaten, der schwedischen Vattenfall und der amerikanischen Mirant, konnte man sich am Mittwoch nicht auf ein gemeinsames Konzept einigen und brach die Gespräche ab.

Die geplante Bildung des nord-ostdeutschen Energieunternehmens mit Sitz in Berlin war nach der Fusion der Stromversorger RWE, VEW und Veba beziehungsweise Viag möglich geworden. Mit den beiden Konzernen Vattenfall und Mirant im Hintergrund, gut 3,3 Millionen Kunden und 16 500 Megawatt hoch moderne Kraftwerksleistung hätte die "Vierte Kraft" gute Chancen auf eine Zukunft im europäischen Strommarkt gehabt.

Die Gespräche seien abgebrochen worden, teilte Vattenfall-Chef Lars Josefsson mit, nachdem Mirant eine Fortführung nicht mehr für sinnvoll erachtet hatte. Er bedauere dies zwar, sagte der schwedische Vorstandschef. Unter der Führung der Hamburgischen Electricitätswerke (HEW) werde nun jedoch das Konzept gemeinsam mit den ostdeutschen Braunkohleverstromern Veag und Laubag in "höherer Geschwindigkeit" durchgeführt. Sollte sich die Bewag zu einem späteren Zeitpunkt dazu entschließen, zu dem Unternehmens-Trio zu stoßen, werde man "immer eine Tür offen halten".

Josefsson rechnet nicht mit kartellrechtlichen Problemen, obwohl das Kartellamt der Lösung vor allem deshalb zugestimmt hatte, weil die Bewag eine enge Endkundenbindung besitzt und sicherstellen kann, dass ein Teil des Stroms der Veag abgesetzt wird.

Noch am Mittwoch-Abend kam der Vorstand des Berliner Versorgers Bewag zusammen, um die nächsten Schritte für das Unternehmen zu beraten. Die Bewag, an der Mirant und HEW (Mehrheitseigentümer Vattenfall) gleich große Anteile halten, wird seit diesem Sommer durch einen Konsortialvertrag partnerschaftlich geführt. Sie galt in dem zu bildenden Konzern nicht nur als kunden- sondern auch als ertragsstärkste Kraft. In Zukunft wird die Bewag allein im Markt agieren müssen. Beobachter gehen allerdings davon aus, dass es über kurz oder lang zu einer Veränderung in der Eigentümerstruktur kommen wird. Dies nicht nur, weil das Berliner Unternehmen sonst zwischen den zerstrittenen Eigentümern zerrieben werden könnte, auch, weil die Bewag durch ihre Beteiligung an der Veag jede weitere Entscheidung des Trios HEW-Veag-Laubag blockieren kann. Josefsson sagte dazu, dass Vattenfall Interesse habe, Anteile von Mirant an der Bewag zu übernehmen. Eine Stellungnahme der Amerikaner zu ihren Vorstellungen war am Mittwoch nicht zu erhalten.

Das geplante Treffen von Josefsson und Mirant-Chefin, Marce Fuller am Mittwoch-Nachmittag in Berlin sollte eigentlich zu einem Höhepunkt im Fusionsprozess der Deutschland-Töchter beider Energiekonzerne werden: Nach monatelanger Deailarbeit wollten Josefsson und Fuller die Grundzüge der Zusammenführung der Unternehmen HEW, Bewag, Veag und Laubag beschließen. Bis Ende 2001 sollten dann die Strukturen abgestimmt und bis Ende 2002 die wesentlichen Schritte zur Bildung der so genannten "Vierten Kraft", dem drittgrößten deutschen Energiekonzern, erfolgt sein.

Bereits seit mehreren Wochen war allerdings klar, dass es bei dem Eigentümer-Treffen in Berlin eher um Schadensbegrenzung denn um richtungweisende Beschlüsse ging. Denn die Auffassungen der beiden Konzerne Mirant und Vattenfall lagen von Anfang an weit auseinander. Vattenfall, die mehr als 90 Prozent der Anteile des ostdeutschen Stromversorgers Veag und des Kohleproduzenten Laubag besitzen, beanspruchen die unangefochtene Führungsposition bei der zu bildenden Konzernholding.

Mirant konnte den Schweden zwar im Sommer das Versprechen abringen, sämtliche Entscheidungen "partnerschaftlich" zu fällen. In der Praxis sei dieses Versprechen allerdings nicht mit Leben erfüllt worden, hatten die Vertreter des amerikanischen Konzerns vor einigen Tagen in der Öffentlichkeit zugegeben.

Am Dienstagabend gab der schwedische Manager Josefsson den Amerikanern schließlich einen vorerst letzten Beweis seines alleinigen Führungsanspruches in dem neu zu bildenden Konzern: Ohne die Zustimmung von Mirant einzuholen, teilte Josefsson mit, dass er dem Aufsichtsrat von HEW Klaus Rauscher als neuen Vorstandschef vorschlagen will. Rauscher sei auch für die Position des Chefs der neuen "Vierten Kraft" vorgesehen. Für Beobachter schien das ein eindeutiger Beleg dafür zu sein, dass Josefsson kein Interesse mehr daran hat, "partnerschaftliche" Gespräche mit dem Unternehmen Mirant zu führen.

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