Wirtschaft : Vietnam - Gestern und Heute

Ausgewählter Beitrag aus dem Wall Street Jour

Was würde Ho Chi Minh von der riesigen American-Express-Reklametafel halten, die heute die vietnamesische Hauptstadt ziert? An jenem schicksalsschweren Tag im April 1975, als der letzte amerikanische Hubschrauber vom Dach der Botschaft abhob, hatten wohl Jene, die alles gegeben hätten, um Widerstand zu leisten, geglaubt, dass sie den Sieg der Geschichte auf ihrer Seite haben. Es war Ironie des Schicksals, dass sich genau in dem Moment, da die harten Männer von Hanoi die rote Flagge über ein vereinigtes Vietnam hissten, die Geschichte den Kommunismus als "trauriges, bizarres Kapitel in der menschlichen Geschichte" abschrieb. Nachdem die Panzer durch die französischen Tore des Präsidentenpalastes in Saigon gedonnert waren, dauerte es nicht lange, bis Umerziehungslager errichtet und die chinesische Minderheit verfolgt wurde. Auf einer Tour durch die Zellen, in denen die von den USA unterstützte Regierung in Saigon ihre Gefangenen unterbrachte, flüstert ein Süd-Vietnamesischer Fremdenführer uns zu, dass die Gefangenen geblieben seien, auch wenn sich die politische Couleur geändert habe.

Die fast völlige Gleichgültigkeit der amerikanischen Friedensbewegung gegenüber dem Vietnam nach 1975 unterstreicht in trauriger Weise den vielleicht brutalsten Umstand des Vietnamkrieges: dass trotz all des Sterbens und all des Leidens Vietnam für die Friedensbewegung nie mehr als ein Hintergrund war. Und obwohl nicht Jeder, der gegen den Vietnamkrieg demonstrierte, ein Anti-Amerikaner oder Radikaler war, bedeutete der Zusammenbruch der amerikanischen Autorität auf allen Ebenen - Kirchen, Universitäten, Regierung -, dass die Radikalen die Tagesordnung bestimmten. Bis zur Präsidentschaftswahl Nixons 1968 richtete sich ihre Feindseligkeit nicht gegen die amerikanische Rechte, sondern gegen den amerikanischen "Liberalismus". Es war in der Tat John F. Kennedys Krieg: Die Schlüsselentscheidung war der blutige Staatsstreich gegen den Präsidenten Ngo Dinh Diem. Nachdem die USA den Sturz ihres Verbündeten geduldet hatten, konnten sie nicht einfach verschwinden. Insbesondere nicht Lyndon Johnson, der drei Wochen später zum Präsidenten gewählt wurde. In gewisser Hinsicht war der Krieg der Preis, den die Nation für den Mangel an präsidialem Charakter zahlen musste. Als sich herausstellte, dass der Staatsstreich die Kriegsbemühungen nicht förderte, richteten sich die Liberalen gegen ihren eigenen Krieg. Nun plötzlich waren nicht ihre Ideale falsch, aber Amerika unmoralisch. Lyndon Johnson, ein Liberaler, der zur Zielscheibe wurde, weitete den Krieg ohne Erklärungen still und leise aus. Er wusste, dass es zu einer Schlacht über Tet kommen würde, gab der Nation aber keine Vorwarnung. Das erwies sich als schlechte Entscheidung, denn was auf dem Schlachtfeld eigentlich ein Sieg der USA und Süd-Vietnam war, war zuhause eine Niederlage. Vor langer Zeit bemerkte Singapurs Lee Kuan Yew, dass die amerikanischen Bemühungen in Vietnam dem restlichen Asien Zeit verschafft hätten. In der Tat: In scharfem Kontrast zu den Vietnamesen, die in der Rückständigkeit ihrer kommunistischen Triumphe schwelgen, erfreut sich das restliche Asien eines Wohlstandes, der nicht zum geringen Teil durch die amerikanischen Soldaten erkauft wurden, die in Vietnam starben. Sogar der häufig geschmähte Diem war im Herzen ein vietnamesischer Patriot und es ist schwer einzusehen, warum sein Vietnam, hätte es die gleiche Chance bekommen, sich nicht ebenso gut entwickelt hätte wie Taiwan oder Süd-Korea.Ausgewählter Beitrag aus dem Wall Street Journal. Übersetzt und gekürzt von Birte Heitmann

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