Wirtschaft : Vinzenz Wütschner

(Geb. 1928)||Sie wünschte sich Beständigkeit, Verantwortung. Er gab, was er konnte.

Kirsten Wenzel

Sie wünschte sich Beständigkeit, Verantwortung. Er gab, was er konnte. Ihre erste Begegnung im Kursaal von Eckernförde: er da oben auf der Bühne, der Entertainer, strahlend, mit grauen Schläfen, markantem Kinn und schmelzendem Lächeln. Am Schlagzeug sitzt er und singt seine Erkennungsmelodie: „Caravan“ von Duke Ellington. Die Frauen im Publikum liegen ihm zu Füßen. Eine schüchterne Volontärin von der Eckernförder Zeitung schaut ihm beim Interview nach dem Konzert tief in die Augen. Und dann der Satz: „Darf ich Sie auf einen Drink einladen?“ Er galt ihr, sie konnte ihr Glück nicht fassen.

Es ging alles so schnell, es war ein Rausch. Nach ein paar Monaten die Hochzeit. Beim Polterabend schunkelte seine Verwandtschaft aus Bayern und sang das Kufsteiner Lied, ihre kühle nordische Familie amüsierte sich spöttisch. Welten trafen da aufeinander, dem glücklichen Paar war das gleich. Es zog auf die Insel der Freiheit namens West-Berlin.

Er war ein begnadeter Liebhaber, er nahm sie mit in seine Welt. Er trank, und sie trank mit. Ein paar Wochen nach der Hochzeit musste er für fünf Monate ins Gefängnis, wegen Trunkenheit am Steuer. Sie schickte ihm jeden Tag ein Geschenk. Er hatte, das war ihr klar, schon ein Leben hinter sich, er war 15 Jahre älter als sie. Vier Ehen und drei Kinder. Er erzählte auch von seiner Glanzzeit, den Auftritten in amerikanischen Clubs, den Tourneen mit dem Bodo-Wiese-Sextett von Tunis bis Stockholm, Sessions mit Max Greger, Paulchen Kuhn, Ernst Mosch, James Last im Frankfurter Jazz-Club. Ein richtiger Profi hätte er werden können, doch Vinz wollte sich von niemandem was sagen lassen. Also tingelte er lieber mit seiner eigenen Band durch norddeutsche Ferienorte und arbeitete nebenher als Schlosser.

Sein Tag begann oft schon mit Bier und Jägermeister. Das half ihm auch gegen die Gespenster der Vergangenheit. Bloß nicht nachdenken über die Ideale, an die er als Junge geglaubt hatte. Als Mitglied im Fanfarenmusikzug war Vinz für höhere Nazi-Weihen vorgesehen, wurde kurz vor Kriegsende noch einmal als Gruppenführer an die Front geschickt. Beim Anblick des ersten Panzers rief er den anderen Jungs zu: „Rennt um euer Leben!“ Was er selbst glücklicherweise auch tat. Lebenslang kam er wie andere seines Jahrganges nicht darüber hinweg, dass Hitler ihn verraten hatte. Wenn er richtig betrunken war, redete er wieder wie vor 45. Und sie hielt nur mit Mühe aus, wenn aus ihm mal wieder „die braune Soße“ floss.

Als sie ihren Sohn erwartete, ließ sie den Alkohol sein und appellierte an ihn: „Arbeit, Saufen und Konzerte, das kann dir doch auch nicht reichen!“ Sie wünschte sich Beständigkeit, Verantwortung. Vinz gab, was er konnte. Versorgte liebevoll den kleinen Sohn, war der Handwerker mit goldenen Händen, kochte göttlich, stopfte sogar die Strümpfe. Nur das Trinken ließ er nicht sein. Er nannte sie „Spielverderberin“ und sagte: „Du, mit deinem Heiligenschein.“

Sie wohnten in der Gropiusstadt, im 15. Stock, mit Blick über die Mauer und bis zum Teufelsberg. Er trieb sie mit perfekten Hitler-Parodien bis zur Weißglut. Sie zwang ihn, sein Schlagzeug zu verkaufen. Sie konnte inzwischen den Anblick nicht mehr ertragen, nichts, was sie daran erinnerte, wie er vor anderen glänzte. Mancher Streit endete in einer Prügelei, Dinge flogen gegen die Wand. Er trank so lange, bis er auf dem Boden lag. „Es ging bei uns zu“, sagt sie, wie bei Richard Burton und Elisabeth Taylor in ,Wer hat Angst vor Virginia Woolf’.“

Als nichts mehr ging, hetzte sie ihm Schwester Hertha von den Guttemplern auf den Hals. Und die erreichte ihn mit ihren unverblümten Ansagen tatsächlich. Eineinhalb Jahre blieb er trocken. Jahre der Hoffnung, in denen sich ein zweites Kind anmeldete, ein Mädchen.

Dann meinte er, wieder gepflegt trinken zu können. Und der Absturz hätte tiefer kaum sein können. Auf der Arbeit mahnten sie ihn ab, dann flog er raus. Sie nahm die Kinder und zog nach Hamburg.

Er war der Mann ihres Lebens, die Trennung ihr großer Lebensbruch. Sie trauerte jahrelang um ihre Ehe, auch weil sie eigentlich an den biblischen Satz glaubte, dass einer des anderen Last tragen solle. „Wer weiß, wenn die Kinder nicht gewesen wären, vielleicht wäre ich mit ihm abgerutscht.“ Immer wieder keimt Hoffnung auf. Einmal kommt er sogar nüchtern zu Besuch nach Hamburg. Abends ruft er aus Berlin an – und lallt schon wieder. Ein anderes Mal kündigt er sich an. Der Sohn sitzt auf der Fensterbank und zählt erwartungsvoll die Stunden. Vergeblich.

Er bleibt in Berlin und geht unter. Fliegt aus seiner Wohnung, zieht kurz in ein Männerwohnheim, findet Unterschlupf bei einer weiblichen Kneipenbekanntschaft, spielt Gitarre auf Kinderfesten. Immer noch ein netter Kerl. Der trinkt, trotz Darm- und Speiseröhrenkrebs und Schlaganfall.

Im Jahr 2001 sucht sie ihn und trifft ihn vor einer Imbissbude. Sie sucht sehnsüchtig seinen Blick. Doch der ist längst stumpf geworden. 2003 besucht sie ihn zum letzten Mal: in einem Seniorenheim. Das Transportnetz seiner Gehhilfe ist gut mit Bierdosen bestückt. Da ist noch der Stieltopf, mit dem er sich jeden Tag etwas kocht. Das tröstet sie ein wenig.

Im Dornengebüsch vor den Hochhäusern in der Gropiusstadt lagen einst zwei Ringe aus Silber. Wer sie gefunden hat, soll wissen: Sie gehörten dem Schlagzeugspieler Vinzenz Wütschner und seiner Frau. Bei einer ihrer Streitereien sind die Ringe über die Brüstung geflogen, vom 15. Stock bis in die Tiefe.

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