Wirtschaft : Virenalarm in Indiens Softwareindustrie

Die Stiftung von Microsoft-Gründer Bill Gates kämpft gegen Aids – und die Tabus der indischen Gesellschaft

Marilyn Chase

Mit umgerechnet 167 Millionen Euro will die Gates-Stiftung die Aids-Aufklärung in Indien unterstützen. Damit das teure Hilfsprogramm anschlägt, geht es einen ungewöhnlichen Weg: Eine Kette von Kliniken soll in den am schwersten betroffenen Regionen des Landes die Botschaft vom Safer Sex unter die Prostituierten und ihre besten Kunden bringen – die Fernfahrer.

Wie Imbisslokale sollen die Anlaufstellen an Rastplätzen von Fernstraßen etabliert werden. Die Aktion genießt prominente Unterstützung von Cricket-Stars und Filmgrößen. Bis 2008 will die Bill und Melinda Gates- Stiftung die Ausbreitung der Aids-Epidemie in sechs indischen Bundesstaaten gestoppt haben und sich danach dem ganzen Land widmen. Das Vermögen des Microsoft-Gründers Bill Gates wird auf 26 Milliarden Dollar geschätzt. Einen Teil davon lässt er in weltweite Gesundheits- und Bildungsprogramme fließen.

Mit ihrem aggressiven Ansatz und Warnungen vor einem katastrophalen Anwachsen der Krankheit sorgt die Stiftung für Unruhe in Indien. Das Land hat nach Südafrika die meisten Betroffenen. Rund fünf Millionen Menschen sind mit dem Aids auslösenden HIV-Virus infiziert. Die Stiftung und andere Gesundheitsexperten befürchten, dass Indien kurz vor einem explosionsartigen Ansteigen der Zahl der HIV-Infizierten stehen könnte und dass die Seuche dann wie einst in Afrika auf benachbarte Länder übergreifen würde. Noch konzentrieren sich die HIV-Fälle auf sechs der 30 indischen Bundesstaaten. Sie betreffen vor allem das Heer der zwei bis drei Millionen Prostituierten sowie die fünf Millionen Fernfahrer. In einigen Gegenden liegt die Infektionsrate unter den Prostituierten bei 50 Prozent. Ihre zunehmende Mobilität könnte das Virus schnell in alle Richtungen tragen.

„In Indien liegt das Schicksal der weltweiten Aids-Epidemie“, sagt Peter Piot, Direktor des UN-Aidsprogramms. Die Krankheit bedroht auch die indische Wirtschaft und die der anderen südasiatischen Nationen. Viele der indischen Aids-Hochburgen liegen nahe den Zentren des Wirtschaftswachstums. Ein schnelles Ansteigen der Aids-Zahlen könnte zu einer wirtschaftlichen Katastrophe führen, sagt Meenakshi Datta Ghosh, Direktorin der staatlichen Organisation für die Kontrolle von Aids. „Wenn Aids die jungen Frauen und Männer in der Outsourcing-Industrie trifft, steht die ganze Branche vor dem Zusammenbruch.“

Die indische Regierung hätte es lieber gesehen, wenn die Gates-Stiftung das Geld in die staatliche Aidsvorsorge gesteckt hätte, die sich mit neuen Einrichtungen für Blutuntersuchungen und dem Bereitstellen von Kondomen rühmt. Auch die Warnungen von Gates, der mit einem sprunghaften Anstieg der indischen Aids-Fälle rechnet, haben die Offiziellen verstimmt. Jede finanzielle Hilfe sei willkommen, sagt Ghosh, doch mit seinen Schreckensmeldungen und Prognosen solle sich Gates zurückhalten. Von den indischen Medien musste sich Gates vorwerfen lassen, er wolle vor allem seine geschäftlichen Interessen sichern. Immerhin beschäftigt Microsoft viele indische Ingenieure in den USA und 1000 Mitarbeiter in Indien. Gates bestreitet solche Motive und bleibt bei seiner Vorhersage: „Ich denke, dass bislang fast jede Prognose zu Aids von den tatsächlichen Zahlen übertroffen wurde.“

Kranke sind geächtet

In den 70er Jahren hatte die Weltgesundheitsorganisation eine Armee junger Ärzte aus dem Westen durch die indischen Dörfer geschickt, um die Bevölkerung gegen Pocken zu impfen. Das Herumkommandieren der einheimischen Offiziellen will die indische Regierung nicht noch einmal riskieren. Durch Plätze im Stiftungs-Vorstand hat sie sich die Mitsprache bei dem Aktionsprogramm gesichert. Doch die offene Diskussion der Ansteckungswege fällt den Indern schwer. Es gilt als unhöflich, über Sex zu reden, und die Kranken sind in der Gesellschaft geächtet. In einem Bundesstaat wurde eine Frau gesteinigt, weil sie an Aids erkrankt war, sagt Ashok Alexander, Direktor des Stiftungs-Projekts. Der langjährige McKinsey-Berater hatte wesentlichen Anteil daran, dass Indien in den 90er Jahren zur Wirtschaftsmacht erstarken konnte. Bei der Bekämpfung der Aids-Seuche setzt er jetzt auf ähnliche Management-Methoden.

Für die Leitung des Programms hat er einen Banker, einen IT-Manager und einen Unternehmensberater engagiert. In einer der neuen Aufklärungs-Kliniken in der Millionenstadt Mysore wurden die Prostituierten dafür geworben, Kolleginnen zu unterrichten, Daten zu sammeln und Betroffene zu begleiten. Mehr als 120 von ihnen zeigten sich bei einer Lotterie, die von der Stiftung organisiert wurde. Die Klinikarbeiter nutzten den Kontakt, um Gesundheitschecks anzubieten und Kondome zu verteilen. Doch auch damit hat es seine Tücken: Kondome in der Handtasche können von der Polizei als Beweis für Prostitution genommen werden.

Programm-Chef Alexander muss sich auch dem Problem der Wunderheiler stellen, die von großen Teilen der ärmeren Bevölkerung konsultiert werden. Statt Mythen zu verbreiten, sollen die Heiler Anreize dafür bekommen, Kranke in die Kliniken zu verweisen. Ein weiteres Ziel sollen die Fernfahrer sein, die zu den häufigsten Kunden der Prostituierten zählen. Die Gates-Stifung kooperiert mit den größten Raststätten-Betreibern, um auf deren Parkplätzen 50 neue Kliniken zu eröffnen. Dort soll es dann Informationen, Kondome und Gesundheitstests geben. Neben den Prostituierten verkehren viele Trucker auch mit ihren jungen männlichen Beifahrern. Nach Monaten auf den Straßen kommen sie häufig mit Geschlechtskrankheiten zurück zu ihren Ehefrauen. „Früher wusste ich nichts über Aids und ging ein großes Risiko ein“, sagt Megh Singh, ein 23-jähriger Trucker. „Man isst überall und hat auch überall Sex.“ Ein 20-jähriger Kollege bestätigt diese Gepflogenheit. Das Lkw-Fahren ist ohnehin gefährlich, sagt er, „da ist man dem Tod immer nahe“. Die Stiftung will diese gefährliche Mischung aus Fatalismus und Testosteron durchbrechen. Ein Besuch in den Kliniken soll so regelmäßig und selbstverständlich werden wie ein Reifenwechsel oder das Anhalten für ein kaltes Getränk.

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