Wirtschaft : Virus im Nest

Im Kampf gegen die Vogelgrippe fordert die Geflügelindustrie eine schnellere Reaktion der Regierung

Maren Peters

Berlin - In deutschen Hühnerställen herrscht Alarmstufe eins: Nur einem engen Personenkreis ist der Zutritt zum Federvieh erlaubt. Und selbst der muss sich in speziellen Besucherbüchern registrieren lassen – für den Fall der Fälle. Wer die heiligen Legehallen betritt, ist nicht nur gehalten, Schutzkleidung zu tragen, sondern muss seine Schuhe auch durch keimtötende Desinfektionswannen ziehen – schließlich könnten tödliche Viren an den Sohlen kleben.

Mag die Vogelgrippe auch noch weit weg in Russland ihr Unwesen treiben – im Bewusstsein der Geflügelwirtschaft ist sie längst präsent. „Wir sind in höchstem Maße besorgt“, sagt Thomas Janning, Sprecher des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), der knapp 8000 Betriebe vertritt. Allzu groß ist die Angst, dass Zugvögel oder illegale Tierimporte das Vogelgrippevirus H5N1, das weitaus aggressiver ist als seine Vorgänger (siehe Kasten), aus Asien über Tausende von Kilometern hinweg auch zu deutschen Legehennen und Masthähnchen tragen könnten. „Wenn das Virus nach Deutschland käme, wäre das katastrophal“, sagt Janning. Millionen von Hühnern müssten getötet werden.

Es wäre nicht das erste Mal, dass die Seuche Europa heimsucht. Erst vor zwei Jahren fiel die Vogelpest in Holland ein. 250 Millionen Hühner, Masthähnchen und Enten mussten getötet werden – ein Viertel des Bestandes. Bislang hat sich zwar noch kein einziges deutsches Huhn angesteckt, aber die Zugvögel haben ihre lange Reise auch noch nicht angetreten. Die Gefahr könnte zunehmen, wenn sich die Tiere ab Anfang September auf den Weg in die Winterlager machen, befürchten Erzeuger – und drängen zur Eile.

„Die Bundesregierung muss noch vor dem 1. September handeln“, fordert Heinrich Thiemann, Geschäftsführer beim Eierproduzenten Wiesengold, „zum Schutz der Tiere und der Menschen.“ Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO rief am Sonnabend die Länder eindringlich zu raschen Vorsorgemaßnahmen auf. Zwar sei das Virus derzeit nur schwer auf den Menschen übertragbar, sagte der Leiter des Influenza-Programms der WHO, Klaus Stöhr, dem NDR. Sollte sich der Erreger aber verändern und von Mensch zu Mensch ausbreiten, wäre eine globale Seuche möglich, „wie wir sie vielleicht noch nicht gesehen haben“.

Eierproduzent Thiemann fürchtet, dass „bis zu einem Drittel der Tiere gekeult werden muss“, wenn die Vogelgrippe Deutschland erreicht. Thiemann ist Herr über 40000 Hühner. Da er Bio- und Freilandeier produziert, leben seine Tiere unter freiem Himmel – und sind dadurch besonderen Gefahren ausgesetzt. Zwar können große Freilandbetriebe ihr Geflügel meist problemlos und artgerecht auch in verschließbaren Innenbereichen halten. Eine Gefahr jedoch bleibt: „Das größte Problem sind infizierte Wildvögel, die über unsere Auslaufflächen fliegen und ihren Kot fallen lassen“, sagt Thiemann. Hühner, die sich im Außenbereich aufhalten, machen keinen Unterschied zwischen Kot und Korn. Sie picken alles auf – und könnten sich dadurch leicht anstecken.

Doch während holländische Geflügelzüchter und Eierproduzenten – nach einem Beschluss der Regierung – ihre frei laufenden Hühner schon ab Montag in die Ställe sperren dürfen, um sie vor der Seuche zu schützen, lässt sich die Bundesregierung Zeit. Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) kündigte am Freitag zwar eine entsprechende Verordnung auch für Deutschland an, will sie aber voraussichtlich erst am 15. September für drei Monate in Kraft treten lassen. Vorher sei ein solches „Aufstallungsgebot“ nicht erforderlich, sagte sie.

Viel zu spät, kritisiert dagegen die Geflügelwirtschaft. „Wir warnen davor, das so lange herauszuzögern“, sagt Verbandssprecher Janning. Auch der Zentralverband Eier (ZVE) drängt zur Eile: „Wir haben einen Wettbewerbsnachteil, wenn Holland die Ausnahmegenehmigung schon ab Montag erteilt“, klagt ZVE-Geschäftsführer Caspar von der Crone. An diesem Wochenende will er in einem Brief erneut an die EU-Kommission dafür plädieren, eine einheitliche Entscheidung darüber herbeizuführen, „dass die Tiere in den Ställen bleiben“.

Die Erzeuger sind in der Zwickmühle: Natürlich könnten sie ihr Freiland-Federvieh genauso gut in eigener Regie ins Haus schicken, um sie zu schützen. Nur dürften sie dann keine „Freilandeier“ verkaufen. Das geht nur mit einer Ausnahmegenehmigung der Regierung, die aber nur für eine begrenzte Zeit gilt. Und auch das ist auf konventionelle Betriebe beschränkt. Für Öko-Betriebe gibt es nach Angaben Künasts überhaupt noch keine entsprechende Regelung. Darüber müsse in der EU erst gesprochen werden, sagte sie – und warnte vor übertriebenen Reaktionen auf die Vogelgrippe.

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