Wirtschaft : Vivendi droht die Zerschlagung

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Paris/Berlin (mot/dpa). Nach dem Rücktritt von Vorstandschef Jean-Marie Messier droht dem zweitgrößten Medienkonzern der Welt, Vivendi Universal, die Zerschlagung. Das aus mehr als 1000 Beteiligungen bestehende französisch-amerikanische Konglomerat wird nach Meinung von Experten seinen Schuldenberg von 20 Milliarden Euro nur abbauen können, wenn sich Messiers Nachfolger von großen Teilen des Unternehmens trennt. Offen ist indes, ob Vivendi künftig vor allem in der Medienbranche tätig sein wird oder sich auf sein profitables Versorger-Geschäft konzentriert. Nach Standard&Poor’s erwägt auch die Ratingagentur Moody’s, ihre Bonitätseinstufung des Unternehmens angesichts drohender Liquiditätsprobleme auf das niedrigste Niveau von Schrott-Anleihen abzusenken. Der Aktienkurs brach um mehr als ein Drittel ein.

Messier gab seinen Rücktritt in einem Interview mit der Zeitung „Le Figaro“ bekannt: „Ich habe beschlossen, dem Vorstand in dieser Woche meinen Posten zur Verfügung zu stellen“, sagte er. Der Streit unter den Anteilseignern und Vorständen habe seinen Handlungsspielraum zu sehr eingeschränkt. Sein Rücktritt habe sich verzögert, weil er eingefädelte Entscheidungen absichern wollte. „Le Monde“ berichtete jedoch, Messier habe über die finanziellen Bedingungen seines Ausscheidens und die Garantie verhandelt, dass er nicht strafrechtlich verfolgt werde. Unter Berufung auf französische Regulierungsbehörden berichtete das Blatt zudem, Vivendi habe versucht, die Bilanz 2001 um 1,5 Milliarden Euro zu verschönern.

Große Hoffnungen werden auf den wahrscheinlichsten Kandidaten für den Vivendi-Chefposten gesetzt, der als erprobter Sanierer und global denkender Manager gilt: Jean-René Fourtou. Der 63-Jährige führte den Pharma- und Chemie-Konzern Rhône-Poulenc in die Fusion mit der früheren Hoechst zum Aventis-Konzern. Fourtou genießt das Vertrauen französischer Versicherungs- und Banken-Großaktionäre sowie einflussreicher Politiker. Diese Kontakte könnten ihm helfen, sollte er Vivendis Versorgersparte, die 29,1 Milliarden Euro Umsatz macht, nach dem Teilverkauf komplett am Markt platzieren wollen. Bei Aventis sammelte Fourtou als Vize von Vorstandschef Jürgen Dormann Erfahrungen bei der Konzentration eines Mischkonzerns auf das Kerngeschäft. Die französische Industrieministerin Nicole Fontaine nannte Fourtou einen „ausgezeichneten“ Nachfolge-Kandidaten. Fourtou und Dormann sind inzwischen in den Aventis-Aufsichtsrat gewechselt.

Nachfolger kommt von Aventis

Angesichts der ungewissen Zukunft des Vivendi-Konzerns zeigte sich die Börse am Dienstag allerdings stark verunsichert. Der Kurs der Aktie brach am Dienstag um bis zu 40 Prozent auf 14,10 Euro ein, erholte sich aber wieder ein wenig. Im weiteren Verlauf setzte die Pariser Börse das Papier vom Handel aus. Skeptisch wird beurteilt, ob Fourtou nach einer Berufung zum Chef der Umbau des Konzerns und der Spagat zwischen den unterschiedlichen Interessen der Eigner gelingt. Einigen muss sich Fourtou vor allem mit dem größten Aktionär, der Bronfman-Familie, die bislang sechs Prozent an Vivendi hielt und im Juni 2000 die Mediensparte Universal des von ihr kontrollierten Getränkekonzerns Seagram mit Vivendi fusionierte.

Die Bronfmans hatten im Verbund mit den amerikanischen Vertretern im Verwaltungsrat Messier das Vertrauen entzogen. Die US-Fraktion fordert nun dem Vernehmen nach die mehrheitlich in den USA gemanagte Mediensparte (Hollywood-Studios und Musik-Geschäft) auf eigene Füße zu stellen. Ein Rückkauf wäre angesichts der niedrigen Börsenbewertung zu einem Bruchteil des ursprünglichen Wertes möglich. Von einer – politisch offenbar favorisierten – Bündelung der franzöischen Vivendi-Teile, darunter die Pay-TV-Gruppe Canal Plus, das Versorgungsgeschäft und das Mobilfunkunternehmen Cegetel, raten Experten indes ab.

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