VME-Geschäftsführer Amsinck : "Keine Zeit für Höhenflüge"

Die Arbeitslosigkeit geht zurück, die Wirtschaft wächst. Doch: Wir erleben nur einen Scheinaufschwung, schreibt Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Metall- und Elektroindustrie in Berlin und Brandenburg (VME). Ein Gastbeitrag.

Christian Amsinck ist Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Metall- und Elektroindustrie in Berlin und Brandenburg (VME)
Christian Amsinck ist Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Metall- und Elektroindustrie in Berlin und Brandenburg (VME)Foto: promo

Was für eine behagliche Situation: Deutschlands Wirtschaft wächst und wächst, die Beschäftigung steigt, der Laden läuft. Geht nicht die Arbeitslosigkeit beständig zurück? Verzeichnet nicht der Staat dank der Konjunktur ein dickes Haushaltsplus? Zeit also, wieder ordentlich etwas zu verteilen, sagen sie jetzt bei der IG Metall.

Doch da liegt die Gewerkschaft falsch. Wir erleben nur einen Scheinaufschwung. Das billige Öl, die niedrigen Zinsen und der günstige Euro-Wechselkurs täuschen hinweg über die tatsächliche Lage. Und niemand weiß, wie lange diese Faktoren noch stützen werden. Hinzu kommt die große Unsicherheit angesichts der vielen Krisen in der Welt. Deshalb müssen wir in diesem Jahr in der Tarifpolitik extrem vorsichtig sein. In der anstehenden Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie gibt es nur sehr wenig zu verteilen. Es ist die falsche Zeit für Höhenflüge.

In den Schwellenländern bricht die Nachfrage ein

Einer Branche, die fast 60 Prozent ihrer Produktion auf dem Weltmarkt verkauft, kann es nicht egal sein, wenn in Russland, Brasilien, China und vielen anderen Schwellenländern die Nachfrage einbricht. Die Zinswende in den USA wird die Probleme dort noch einmal verschärfen. Das globale Wachstum könne „entgleisen“, warnt denn auch der Internationale Währungsfonds in seiner jüngsten Konjunkturprognose. Für die Metall- und Elektroindustrie wäre das brandgefährlich. Schon jetzt rechnen wir nur mit einem Wachstum in unserer Branche von allenfalls einem Prozent.

Hinzu kommen die strukturellen Probleme am Standort Deutschland. Seit der Finanzkrise 2008/2009 haben unsere Beschäftigten überaus kräftige Lohnsteigerungen erhalten. Die Löhne sind um beinahe 20 Prozent gestiegen, übrigens bei kaum nennenswerter Inflation. Die Produktivität dagegen ist um gerade einmal zwei Prozent gewachsen. Daraus ergibt sich ein Plus bei den Lohnstückkosten um 17 Prozent seit 2008. Wer eine solche Politik fortsetzen will, hat den Ernst der Lage noch nicht verstanden.

"Wir erleben eine schleichende Deindustrialisierung"

Bekanntlich leidet Deutschland unter einer Investitionsschwäche. Dafür gibt es klare Gründe. Die Unternehmen gehen eben nicht nur ins Ausland, um Märkte zu erschließen oder um nahe beim Kunden zu sein. Sie nutzen die günstigeren Produktionsbedingungen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. In keinem anderen großen Industrieland ist Arbeit so teuer wie bei uns. Kapazitätserweiterungen hierzulande gibt es dagegen kaum noch. Wir erleben eine schleichende Deindustrialisierung – Aufbau im Ausland ersetzt Investitionen im Inland.

Die Folge ist, dass sich insbesondere einfache Tätigkeiten hierzulande nicht mehr rechnen. 2007 war noch jeder Vierte in den Betrieben der Metall- und Elektroindustrie ein An- oder Ungelernter – 2014 war es nur noch jeder Fünfte. Es kann nicht im Interesse der Gewerkschaft sein, diese Arbeitsplätze weiter aufs Spiel zu setzen. Und das in einer Zeit, in der es gilt, zehntausende Flüchtlinge mit oft nur geringer Qualifikation in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie in der Hauptstadtregion tun sich mit all diesen Faktoren überdies schwerer als andere. Die meisten sind Mittelständler. Ohnehin ist die Branche hochgradig heterogen – während es in einigen Bereichen läuft, herrschen in anderen schwere Zeiten. Wir sollten alles tun, damit bei uns die Industrie weiter eine nennenswerte Rolle spielt. Sie beschäftigt nicht nur 100 000 Menschen in Berlin und Brandenburg, sie löst auch ein hohes Maß an Wertschöpfung in anderen Branchen aus.

Für mich ist klar: In dieser Tarifrunde geht es um die Zukunft von Deutschlands wichtigster Industriebranche, dem Herz der Wirtschaft. Nur wenn die IG Metall Maß hält, können die Unternehmen auch den Standort halten – und damit die Arbeitsplätze.

Christian Amsinck ist Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Metall- und Elektroindustrie in Berlin und Brandenburg (VME).

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