Wirtschaft : Völkerwagen

Der Wolfsburger Autobauer VW will Weltmarktführer Toyota überholen. Das Rennen entscheidet sich in China

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Hoch hinaus. Im vergangenen Jahr verkaufte VW, der größte europäische Autohersteller, 7,2 Millionen Fahrzeuge. Foto: dapd
Hoch hinaus. Im vergangenen Jahr verkaufte VW, der größte europäische Autohersteller, 7,2 Millionen Fahrzeuge. Foto: dapdFoto: dapd

Größe kann langweilen. Es sei denn, die Größten einer Branche laufen sich gegenseitig den Rang ab. In der Automobilbranche ist der Volkswagen-Konzern angetreten, Weltmarktführer Toyota von Platz eins zu verdrängen – und dabei, quasi nebenbei, auch noch den Zweitplatzierten General Motors (GM) zu überholen. Hier wird es spannend, denn wer auf diesem Niveau noch wachsen will, geht ein hohes Risiko ein.

An Größe mangelt es VW mit seinen zehn Marken eigentlich nicht: 2010 hat der Autobauer mit dem Verkauf von 7,2 Millionen Fahrzeugen rund 127 Milliarden Euro Umsatz erzielt und 7,2 Milliarden Euro verdient. „Volkswagen war 2010 mit Vollgas unterwegs“, sagte VW-Chef Martin Winterkorn am Donnerstag in Wolfsburg. Auf der Überholspur wolle man auch in diesem Jahr bleiben, vor allem in China. Hier verdiente VW mit seinen Joint-Ventures 2010 operativ mehr als 1,9 Milliarden Euro.

Im Rennen der Größten will der Autobauer aber noch schneller werden: „Wir gehen davon aus, dass unser Konzern noch mehr Fahrzeuge verkaufen wird, noch mehr Umsatz erzielen wird und ein noch höheres operatives Ergebnis einfahren wird als im Rekordjahr 2010“, gab Winterkorn das Tempo für 2011 vor. Schon das erste Quartal sei stark gewesen. Selbstbewusst soll das klingen und Toyota zeigen, dass man sich in Wolfsburg nicht beirren lässt. Zum Beispiel von der Kampfansage der Japaner, die nach dem Rückrufdebakel am Mittwoch ein neues Wachstumsziel ausgegeben hatten: zehn Millionen verkaufte Autos im Jahr 2015. Volkswagen will diese Absatzzahl eigentlich erst 2018 erreichen. „Dass Toyota Platz eins nicht ohne Widerstand räumen wird, war uns klar“, gab sich Winterkorn am Donnerstag cool. „Aber wir wissen auch: wer an der Spitze der Automobilindustrie stehen will, muss mehr leisten als der Wettbewerb.“

Und nicht nur das: Volkswagen hat neben dem Wettbewerbsdruck auch eine Menge mit sich selbst zu tun. Dramaturgie oder Zufall: Die beiden wichtigsten Großbaustellen symbolisieren zwei Fahrzeuge, die am Donnerstag besonders sichtbar in Wolfsburg platziert wurden – ein Porsche GT3 RS und ein Scania-Truck. Das Projekt mit dem größten emotionalen Wert und finanziellen Risiko ist die geplante Verschmelzung mit Porsche. Nur noch mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent kann sie nach Meinung des Vorstands noch im laufenden Jahr gelingen. Winterkorn räumt ein, dass es „nicht unerhebliche steuerliche und juristische Hürden zu bewältigen“ gibt. Der Grund: Die Justiz geht neuen Untreue-Vorwürfen gegen ehemalige Porsche-Manager nach. Der von Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking in den Sand gesetzte Übernahmeversuch von VW ist noch nicht aufgearbeitet. Aber auch hier gibt sich Winterkorn siegesgewiss: „Der integrierte Konzern von Volkswagen und Porsche wird auf jeden Fall kommen.“ Die Vorbereitungen lägen „voll im Plan“. Solange die beiden Unternehmen aber nicht verschmolzen sind, können die geplanten Synergien von jährlich 700 Millionen Euro nicht gehoben werden.

Auch beim Thema Lkw-Fusion muss VW Verzögerungen hinnehmen. Die beiden Lkw-Hersteller MAN und Scania, an denen VW beteiligt ist, sollen unter dem Wolfsburger Konzerndach fusionieren. Das Nutzfahrzeuggeschäft brummt wieder, die Nachfrage ist 2010 um mehr als 50 Prozent gestiegen. „Wir sehen in einer solchen Partnerschaft auf Augenhöhe große Chancen“, sagte Winterkorn. Genug Geld ist da, wie Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch versicherte, eine Entscheidung steht aber noch aus. Mehr als 18 Milliarden Euro hat der VW-Konzern in der Kasse. Ein üppiges Polster, das 2011 noch üppiger werden soll.

Finanziell flexibel muss der Konzern auch bleiben. Die spanische Seat-Tochter schreibt immer noch rote Zahlen (minus 311 Millionen Euro), erst ab 2013 ist Besserung in Sicht. Außerdem kommt die Beteiligung an Suzuki nicht in Schwung. „Kulturelle Unterschiede“ diagnostiziert Winterkorn. Die Kernmarken VW, Audi und Skoda machen dem Konzern hingegen mit zweistelligen Wachstumsraten Freude. Sie sind die Säulen des Konzerngewinns. An der Freude teilhaben sollen die Aktionäre: der Vorstand schlägt eine Dividende von 2,20 Euro je Stamm- und 2,26 Euro je Vorzugsaktie vor. Auch Martin Winterkorn wird das Rekordjahr 2010 in guter Erinnerung behalten: seine Bezüge stiegen um knapp 50 Prozent auf 9,3 Millionen Euro.

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