Wirtschaft : Vogelgrippe wirft Südostasiens Wirtschaft zurück

Verunsicherung und Pessimismus machen sich breit/Regelmäßig treffen wirtschaftliche Krisen die Region

Moritz Kleine-Brockhoff

Jakarta. In Südostasien wird ein Wechselspiel traurige Gewohnheit: geht es wirtschaftlich deutlich voran, kommt ein Nackenschlag. Diesmal die Vogelgrippe. Ende 2003 hatte es noch gut ausgesehen: Singapurs Rezession war vorbei, Thailand und Vietnam meldeten kräftiges Wachstum, in Indonesien sanken bei endlich stabiler Währung Schulden, Zinssätze und Inflation. Überall explodierten die Aktienkurse. Lebten in Jakarta nicht zu 80 Prozent Moslems, die Händler hätten wohl auf dem Parkett Sektkorken knallen lassen: der Aktienindex war im Kalenderjahr um 63 Prozent gestiegen.

Dann kam das Vogelgrippenvirus, tötete Millionen Hühner und mindestens zwölf Menschen. Die Hälfte der zehn südostasiatischen Staaten ist betroffen. Solange Menschen sich untereinander nicht anstecken können, solange sie weiter nach Fernost reisen, was die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für unbedenklich hält, dürfte der Wirtschaftsschaden weitgehend auf den Geflügelsektor beschränkt bleiben.

Aber wer weiß das heute? Auf den Aktienmärkten Südostasiens haben sich Verunsicherung und Pessimismus breit gemacht. Seit dem Ausbruch der Vogelgrippe herrscht bestenfalls Kursstillstand. In Thailand, das als großer Geflügelexporteur wirtschaftlich am stärksten von der Tierseuche betroffen ist, sind die Aktienkurse in zwei Wochen um 15 Prozent gefallen. Der Landwirtschaftsminister glaubt, dass der Agrarsektor 2,6 Milliarden US-Dollar verlieren wird. Auch aus einem Land, das seine Hühner nicht exportiert, sondern selbst verzehrt, kommt eine Hiobsbotschaft: Indonesien befürchtet 1,5 Millionen neue Arbeitslose, weil der Inlandsmarkt für Geflügel gerade zusammenbricht.

Viele in Südostasien fragen sich, wann die Serie von Wirtschaftsdesastern endlich aufhört. Hatte die asiatische Finanzkrise von 1997/98 sie nicht genug gebeutelt? Mitte der 90er Jahre nannte man die südostasiatischen Länder „Tigerstaaten“. Mit großen Sprüngen wurden aus Entwicklungs- so genannte Schwellenländer, unterwegs in Richtung Industriestaat. Aber zu viel war mit hoch verzinsten Dollarkrediten finanziert, die niemand mehr bedienen konnte, als die südostasiatische Währungen 1997 abstürzten. Banken hatten die Kredite gegeben, ohne ausreichend Sicherheiten zu fordern. Geschäftsleute hatten sie genommen, ohne konservativ zu kalkulieren. Erst stürzten Währungen, dann Firmen, dann Banken, dann Regierungen. Ausländische Investoren zogen ab, Tiger wurden Kätzchen.

Noch vor der Jahrtausendwende ging es aber wieder bergauf. Doch die Nackenschläge kamen prompt. 2001 die Terroranschläge des 11. September. 2002 die Bomben auf der Ferieninsel Bali. 2003 die Lungenkrankheit Sars. 2004 die Vogelgrippe.

Doch die Desaster sind teilweise hausgemacht. Vor den Anschlägen auf Bali wollte Indonesiens Regierung aus innenpolitischen Gründen keine islamischen Extremisten verhaften. Erst nach dem Anschlag begann man den Terrorismus ernsthaft zu bekämpfen. Sars und Vogelgrippe wären weniger schlimm gewesen, wenn die Staaten ihre Ausbrüche früher mitgeteilt,und Anderen so Gelegenheit für Schutzmaßnahmen gegeben hätten.

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