Wirtschaft : Volkmar Zühlsdorff

(Geb. 1912)||Ein Außenseiter. Respektiert, doch irritierend unbefleckt.

Kirsten Wenzel

Ein Außenseiter. Respektiert, doch irritierend unbefleckt. Helgoland im Dezember 1950: Eisgang und Winterstür- me haben die Nordsee-Insel fest im Griff. Sie sieht aus wie eine Mondlandschaft, tiefe Krater und Ruinen. 1945 hatten die britischen Besatzer die etwa 3000 Helgoländer evakuiert, das kleine Stück Deutschland zum Bombenabwurfplatz erklärt und davon ausgiebig Gebrauch gemacht. Einen ganzen Teil der Insel haben sie bereits weggesprengt. Doch um die Jahreswende 1950 wehen plötzlich wieder Fahnen auf den umbrandeten Felsen: die europäische, die deutsche und die grün- rot-weiße der Insel. Daneben steht frierend eine kleine Gruppe Studenten und fordert ein Ende der Zerstörung „im Namen von Recht und Freiheit“. Es regt sich, würde man mit Zühlsdorff sagen, endlich wieder ein Hauch politischen Lebens im apathischen Nachkriegsdeutschland.

Am 29. Dezember sticht bei schwerem Seegang ein Kutter in See: Hubertus Prinz zu Löwenstein macht sich auf den Weg, die jugendlichen Aktivisten zu unterstützen. Der „rote Prinz“, in der Weimarer Republik, persönliches Hassobjekt von Joseph Goebbels, hat als Enkel eines britischen Lords gute Kontakte in das Königreich – und genießt wegen seiner Aktivität gegen die Nazis hohes Ansehen. Ihm gelingt es, die Briten umzustimmen. 1952 dürfen die Bewohner Helgolands auf ihre Insel zurückkehren.

Und wann kommt Volkmar Zühlsdorff ins Spiel? Nun, er ist es, wie bei eigentlich jeder politischen Aktion des Prinzen, bereits die ganze Zeit.

Das Rampenlicht hat er nie gesucht, obwohl auch er seit seiner frühen Jugend für Politik brannte. Hundert Seiten Lektüre „Mein Kampf“ genügten dem 15-Jährigen, um sich dem antifaschistischen „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ anzuschließen. Als Stipendiat der Studienstiftung legte er ein exzellentes juristisches Examen ab mit gleichzeitiger Promotion, er schrieb gut und sprach talentiert. Und doch war ihm die Position im Hintergrund lieber, wenn auch immer nah am historischen Geschehen.

Vornehm zurückhaltend wollte er der Sache, dem demokratischen Deutschland dienen. Also wurde er für den Prinzen Berater, Pressesprecher, Sekretär, Archivar, Freund, Familienmitglied und treuer Gefährte. All das ein Leben lang.

Gemeinsam mit der mutigen Ehefrau Löwensteins, Prinzessin Helga, bildeten sie ein bemerkenswertes Trio. Zu dritt emigrierten sie von Berlin nach Österreich, in die Schweiz, nach Frankreich, England, Amerika. Zusammen bauten sie die „Deutsche Akademie im Exil“ auf, mit Zühlsdorff als preußisch-gründlichem Sekretär und den Präsidenten Thomas Mann und Sigmund Freud, die hunderten Emigranten mit Papieren, Ratschlag und Geldspenden das Überleben sicherte. Und zusammen kehrten sie 1946 in das zerbombte Deutschland zurück, um beim Wiederaufbau der geliebten Heimat möglichst schnell dabei zu sein.

Kennengelernt hatte Zühlsdorff den Prinzen 1929, bei einer Versammlung des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“. Sozialdemokratisch wie das Reichsbanner waren die beiden nicht, eher nationalkonservativ. Doch nur im Reichsbanner fanden sie jene entschiedene Ablehnung des Nationalsozialismus, die auch sie einte. Eines Abends brachte Löwenstein seinen neuen Freund mit nach Hause, man aß zusammen, diskutierte – und dabei reparierte der Gast beiläufig einen alten blauen Topf, der der Prinzessin lieb und dessen Henkel gebrochen war. Von da an waren auch Zühlsdorff und sie die engsten Freunde, ja, Lebenspartner, bis zu ihrem Tod mit 94.

Für die drei Töchter des adligen Paares war er „der Onkel“, der mit ihrer Mutter Patiencen legte, und ihnen das Schwimmen und Skilaufen beibrachte und später den männlichen Enkelsöhnen das Krawattebinden. Ein liebenswürdiger Herr, der respektvoll aufstand, wenn nur ein vierjähriges Mädchen den Raum betrat. In der linken Brust-Tasche seines Jacketts befanden sich stets ein gefaltetes weißes Blatt und ein Stift. In der rechten Hustenbonbons, da er niemanden mit einem plötzlichen Hustenanfall erschrecken wollte. Nicht zu vergessen die zwei frisch gestärkten und gebügelten Taschentücher: eines für sich und eines für die Kavaliersgeste.

Es war Freundschaft, und es war Liebe, platonische natürlich, die Zühlsdorff mit dem Prinz und der Prinzessin verband. Obwohl er dank seiner strahlend blauen Augen und seines Charmes so manches Damenherz gewann, konnte er sich nie entschließen, eine Ehe einzugehen. Die Löwensteins waren seine Familie, mit ihnen teilte er die Aufgabe, die Ideale, den Wagemut. Dass die Prinzessin einen „Nazibengel“ schon mal beherzt ohrfeigte, weil der sie als „Saujüdin“ beschimpft hatte, erzählte Zühlsdorff später gern und mit Stolz. Im Garten des Südtiroler Exildomizils übten sie gemeinsam das Schießen, um sich im Falle einer Entführung durch die Gestapo wehren zu können. Das alles war durchaus der Sache geschuldet und ernst – aber es entsprach auch seiner leicht verwegenen, vergnüglich-heroischen Selbstwahrnehmung. „Ritterlich“ hätte er sie wohl genannt.

Die Rückkehr nach Deutschland nach 13 Jahren Emigration gehörte zu den glücklichsten, aber auch schwierigsten Momenten seines Lebens. Dem im Exil gebliebenen Schriftsteller Hermann Broch, schildert er in vielen, bei Suhrkamp veröffentlichten Briefen voll Mitgefühl das Elend auf den Straßen, Hunger und Kälte, die Hoffnungslosigkeit in den Blicken der Menschen. Broch fragt skeptisch: Wo sind die ganzen Nazis? Und Zühlsdorff zitiert mit glühendem Herzen Ricarda Huch: „Es gibt Unglück, das wie ein himmlisches Feuer mit unserem Glück zugleich unsere Schuld verzehrte.“ Er meinte, die Deutschen hätten genug gelitten. Die Haupttäter waren gefangen und bestraft. Zu richten, meinte er, stünde ihm ohnehin nicht zu. Es war jetzt Zeit zu vergeben, die Not zu lindern, die Demokratie aufzubauen.

Er hatte sich eben konsequent dem liebenden Blick auf seine Mitmenschen verschrieben, im Kleinen wie im Großen, machte rundlichen Frauen mit der gleichen Liebenswürdigkeit Komplimente wie den Schmalen – und immer kam es von Herzen.

So gut dachte er von seinen Mitmenschen, dass er die Überzeugung vertrat, Deutschland werde irgendwann die Größe zeigen, die vertriebenen Juden um Rückkehr zu bitten. Auch wenn er da irrte, in anderem, etwa in der klaren Vorhersage der deutschen Wiedervereinigung, war seine Weltsicht von bemerkenswerter Treffsicherheit.

Es hätte, sagen viele, ihm und seinen Freunden durchaus zugestanden, das neue Deutschland in einer führenden Position zu prägen. Doch die großen Ämter bekamen andere. Politisch blieben Zühlsdorff und die Löwensteins ihr Leben lang respektierte Außenseiter. Irritierend unbefleckt standen die Zurückgekehrten zwischen all den Besudelten, Exoten, immer quer zum politischen Mainstream.

In den sechziger Jahren rief man Volkmar Zühlsdorff in den diplomatischen Dienst. Er wurde Kulturattaché in Amerika, später für viele Jahre Botschaftsmitarbeiter in Thailand. Selbstverständlich lernte er die Sprache des Landes, bis er thailändische Gedichte ins Deutsche übertragen konnte. Der tiefgläubige Katholik beschäftigte sich intensiv mit dem Buddhismus, und genoss die seiner eigenen positiven und vornehmen Sanftheit so verwandte Wesensart der Thailänder.

Denn so glühend auch seine Deutschlandliebe war, so stieß ihm doch die Grobheit seiner Landleute zuweilen peinlich auf. Den thailändischen Elefantenorden, vom König persönlich verliehen, trug er auch nach seiner Rückkehr nach Deutschland mit dem gleichen Stolz wie sein Bundesverdienstkreuz.

Bis zu ihrem Tod vor zwei Jahren lebte Volkmar Zühlsdorff gemeinsam mit der 1984 verwitweten Prinzessin, erst in Bonn und nach dem Mauerfall wieder im geliebten Berlin. Er kümmerte sich um das Auto und den Garten, schob sie später im Rollstuhl zum Einkaufen, sie kochte für ihn. Sie diskutierten die Tagespolitik, besuchten Lesungen und Museen. Und 60 Kniebeugen und Gymnastik am Morgen gehörten auch für den 90-Jährigen noch zum selbstverständlichen Tagespensum, ebenso wie das jährlich neu erworbene goldene Sportabzeichen.

Zühlsdorff hat nie gehadert mit sich, dem Schicksal, den Menschen oder Gott, und das, obwohl er das 20. Jahrhundert in seinen dunklen Momenten erlebt hatte. Erst als er schon sehr krank war und an Schmerzen litt, gab er zu: „Heute Nacht hab ich mit dem lieben Gott geschimpft.“ Er fügte noch hinzu: „Ich habe ihn aber gebeten, nicht hinzuhören.“ Bei seiner Beerdigung trug Volkmar Zühlsdorff eine schwarz-rot-goldene Krawatte. So hatte er es sich gewünscht.

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