Wirtschaft : "Volksaktien" für den Massengeschmack

REINOLF REIS (AFP)

Die zweite Tranche der T-Aktien, die ersten Anteile von Post und Postbank: Für einstige Staatsunternehmen wird die Börse in den kommenden Monaten wieder zum Tummelplatz."Volksaktien" wie jene von VW, Veba oder der Lufthansa sind in Deutschland ein Dauerbrenner.Für das meiste Aufsehen dürfte wohl die Deutsche Telekom gesorgt haben, die im Herbst 1996 mit einer riesigen Imagekampagne das Börsenparkett stürmte und gleich zwei Millionen Privatanleger locken konnte.Der Ruhm des ersten Schrittes steht jedoch dem Mischkonzern Preussag zu: Er startete vor 40 Jahren, am 24.März 1959, mit der Volksaktie der "Preußischen Bergwerks- und Hütten-Aktiengesellschaft, Berlin/Verwaltungssitz Hannover".

Was der Preussag-Börsengang den Deutschen der Wirtschaftswunderzeit bedeuten sollte, pries der Konzern in seinem Börsenprospekt von 1959: "Es ist der erste wesentliche Schritt zur Überführung von Bundesunternehmen in Privathand, ein Schritt, der zur stärkeren Eigentumsbildung von Privatpersonen beitragen soll." Gerade die Preussag-Aktie solle die langfristige Beteiligung am Wachstum eines bedeutenden Unternehmens der deutschen Wirtschaft ermöglichen."Jede Aktie bringt ihrem Besitzer Chancen und Risiken", räumte der Konzern aber ein.Tatsächlich zeigt der Rückblick auf die "Volksaktien" klar: Wenn der Staat sein Tafelsilber verkauft, gibt es keine Kursgarantie.Konzernstrategie, Branchenlage und nicht zuletzt die gesamtwirtschaftliche Entwicklung bestimmen den Wert der Anteile genauso wie bei anderen Unternehmen.

Eine sichere Wertanlage für das Ersparte der Bürger sollten die Papiere bieten, die zuerst unter den CDU-Bundeskanzlern Konrad Adenauer und Ludwig Erhard auf den Markt gebracht wurden.Auf die Preussag-Anteile ließ der Bund 1961 Aktien des Volkswagen-Konzerns folgen.1965 schloß die Aktie der Vereinigten Elektrizitäts- und Bergwerks (Veba)-AG die erste Welle der Privatisierung im Nachkriegsdeutschland ab.Im Preussag-Verkaufsprospekt hieß es, das Angebot wende sich "bewußt zunächst an diejenigen Kreise, die sich mit dem Gedanken des Aktienerwerbes noch nicht recht vertraut gemacht hatten und dem Wertpapiersparen als Form der Eigentumsbildung bisher noch fern standen".

Dieses Ziel wurde erreicht: Rund 200 000 Deutsche kauften mit dem Preussag-Papier zum ersten Mal eine Aktie.Bei VW waren es bereits mehr als 1,5 Millionen, bei Veba gar rund 2,6 Millionen.Die Preussag-Aktien wurden zunächst den Beschäftigten des Konzerns angeboten.Für 145 DM konnten schließlich alle Bundesbürger, die weniger als 16 000 DM jährlich verdienten, bis zu fünf Aktien kaufen.Den sozialpolitischen Anspruch zeigte auch VW, dessen 100-DM-Stammaktie 1961 für 350 DM an die Börse gebracht wurde - mit "Sozialrabatten" von durchschnittlich 20 Prozent.

Hoppenstedt-Analyst Chris-Oliver Schickentanz sieht vor allem in Größe und Offenheit der Börsengänge von Staatsunternehmen Vorteile für Anleger: Anders als bei Unternehmen etwa auf dem Neuen Markt der Frankfurter Börse gebe es für Interessenten Chancen, überhaupt Aktien zum Einstandspreis zu ergattern.Schließlich hätten etwa Lufthansa und Telekom auch in den neunziger Jahren noch gesonderte Programme aufgelegt, um Anleger für den Aktienmarkt zu gewinnen.Bei den kommenden Börsengängen etwa der Post will Schickentanz abwarten, wie sich die Einkaufspolitik des Konzerns im Ausland auswirkt.

Die Spuren der einstigen "Volksaktien" sind heute nur mit Mühe nachzuvollziehen.Preussag, VW und Veba gelten zwar als typische Publikumsgesellschaften, weil ihre Anteile breit gestreut sind.Doch die Zahl der Alt-Aktionäre ist kaum auszumachen.Lange Zeit führte das Statistische Bundesamt einen eigenen Volksaktien-Index.Der näherte sich dem allgemeinen Aktienindex so sehr an, daß er im Jahr 1995 eingestellt wurde.

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