Volksbankerin Müller-Ziegler im Interview : „Frauen mehr Aufmerksamkeit schenken“

Tanja Müller-Ziegler ist stellvertretendes Vorstandsmitglied der Berliner Volksbank. Im Tagesspiegel-Interview erklärt sie, warum die Genossenschaftsbank Filialen schließt und wie Frauen in Führungspositionen gelangen.

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Tanja Müller-Ziegler. „Führungspositionen sollten anhand von Leistung besetzt werden.“ Foto: Georg Moritz
Tanja Müller-Ziegler. „Führungspositionen sollten anhand von Leistung besetzt werden.“ Foto: Georg MoritzFoto: Georg Moritz

Frau Müller-Ziegler, die Zinsen sind im Keller. Was bedeutet das für die Berliner Volksbank?

Uns fehlt ein wesentlicher Ergebnisbeitrag. Als genossenschaftliches Institut haben wir in der Krise viel Zuspruch erhalten, viel mehr Menschen vertrauen uns seitdem ihr Erspartes an. Diese Gelder müssen wir aber auch anlegen. Wir investieren derzeit vor allem in Anleihen deutscher Bundesländer. Das ist sicher – bringt uns aber nur geringe Zinsen ein.

Wie lange können Sie sich das leisten?

Ein konkretes Datum kann ich nicht nennen. Wir müssen uns aber darauf einstellen, dass die Niedrigzinsphase noch Jahre anhält. Deshalb müssen wir die Kosten im Blick behalten und abwägen, wie viel Geld wir in neue Entwicklungen wie die Digitalisierung stecken können und wo wir sparen.

Wie wirkt sich der Kostendruck auf die Filialstruktur aus?

Wir konzentrieren uns in Zukunft verstärkt auf große Standorte, um dort das gesamte Beratungsangebot aufrechtzu- halten. In Berlin haben wir an ausgewählten Stellen Filialen zusammengelegt. In Brandenburg wurden die Öffnungszeiten einzelner Standorte reduziert.

Das kommt bestimmt nicht bei allen Kunden gut an.

Natürlich ist das eine Veränderung, die wehtut. Aber es ist auch ein Kompromiss. Denn viele Standorte, gerade jenseits des Speckgürtels in Brandenburg, müssten wir aus rein betriebswirtschaftlichen Gründen eigentlich schließen. Wir haben uns aber für diesen Mittelweg entschieden, um unsere Präsenz im Flächenland Brandenburg aufrechtzuerhalten.

Was bedeutet das für die Mitarbeiter?

Sie müssen flexibler sein. Wenn wir die Öffnungszeiten reduzieren, werden die Mitarbeiter nicht mehr die ganze Zeit in einer Filiale sondern an wechselnden Standorten einer Region arbeiten.

Wird es Stellenstreichungen geben?

Ja, wir werden Personal abbauen müssen. Geplant ist, dass bis 2015 etwa 100 Arbeitsplätze wegfallen. Eines ist mir dabei aber ganz wichtig: Wir werden als Berliner Volksbank an keinem Tag Mitarbeiter vor die Tür setzen. Der Personalabbau wird sozialverträglich sein. Neben natürlicher Fluktuation machen wir Mitarbeitern Angebote für Aufhebungsverträge und Vorruhestand.

Was heißt das für die Auszubildenden?

Wir haben bislang eine konstante Ausbildungsquote verfolgt. Ob wir daran festhalten können, müssen wir sehen. Als einer der größten Arbeitgeber in Berlin werden wir aber auch in Zukunft Nachwuchskräfte ausbilden. Ob und wen wir davon übernehmen, entscheiden wir von Jahrgang zu Jahrgang.

Sie selbst sind neu im Vorstand der Berliner Volksbank. Welche Pläne haben Sie?

Ich möchte unter anderem in Brandenburg mehr Landwirte als Kunden gewinnen. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass wir als Bank einen Beitrag zur ländlichen Entwicklung leisten können. Dafür müssen wir uns aber auf die Bedürfnisse der Landwirte einstellen. Sie stehen vor der Herausforderung, große Flächen effizient zu bewirtschaften bei gleichzeitig sinkenden Zuschüssen.

Wie soll Ihre Hilfe konkret aussehen?

Ich möchte die Landwirte zum Beispiel beim Landkauf begleiten. Auch brauchen sie für die großen Flächen große Maschinen, die finanziert werden müssen. Konkret haben wir zwei Landwirtschaftsberater ausgebildet, die mit den Landwirten auf Augenhöhe sprechen können.

Sie sind auch für die Umsetzung der regulatorischen Vorgaben zuständig. Wie wirken sich die neuen Regeln auf Ihr Haus aus?

Die größte Herausforderung ist, dass alle Mitarbeiter auf dem neuesten Stand bleiben. Allein fürs Wertpapiergeschäft mussten wir 800 Berater schulen. Das ist für eine Bank, die in Berlin, aber auch in weiten Teilen Brandenburgs vertreten ist, mit hohem Aufwand verbunden.

Hinter vielen dieser neuen Regeln steht der Verbraucherschutz. Wird der dadurch wirklich gestärkt?

Zum Teil ja. Produktinformationsblätter und Beratungsprotokolle helfen zum Beispiel sowohl dem Kunden als auch dem Banker. Die Qualität der Beratung steigt dadurch, weil sie stärker standardisiert wird. Gleichzeitig wird das Beratungsgespräch aber auch länger. Das macht die Beratung teurer.

Die Kunden informieren sich heute immer mehr im Netz, kommen seltener in die Filiale. Wie reagieren Sie darauf?

Wir passen uns den Kunden an. Geschäftskunden beraten wir künftig telefonisch auch außerhalb der Öffnungszeiten. Dadurch können wir Firmen schnell und unkompliziert unterstützen. Auch im Privatkundengeschäft gehen wir darauf ein, dass die Kunden mehr im Netz machen. Selbst bei der Baufinanzierung kommen die meisten Anfragen übers Internet. Wir bauen gerade ein Team auf, das sich nur um diese Anfragen kümmert.

Welche Rolle spielen Konzepte wie Videoberatung bei Ihnen?

Videoberatung wollen wir zum Beispiel in kleinen Filialen nutzen, in denen nicht immer Spezialisten, zum Beispiel für das Wertpapiergeschäft, vor Ort sein können. Diese könnten künftig per Video zugeschaltet werden. Allerdings gibt es dabei noch viele offene Fragen. Beispielsweise können wir aus Datenschutzgründen nicht jedes Programm dafür nutzen.

Sie sind bei der Berliner Volksbank die erste Frau im Vorstand. Fühlen Sie sich als Quotenfrau?

Nein. Ich halte eh wenig von einer Frauenquote. Ich bin davon überzeugt, dass Führungspositionen anhand von Leistung besetzt werden müssen. Gleichzeitig ist die Diskussion über die Frauenquote aber wichtig und hilfreich. Denn sie stärkt das Bewusstsein dafür, dass auch Frauen für Führungspositionen infrage kommen.

Wie hoch ist der Anteil von Frauen mit Chefposten bei der Berliner Volksbank?

Die Gleichberechtigung ist bei uns Teil der Unternehmenskultur. In der Belegschaft liegt der Anteil der Frauen bei 60 Prozent, in Führungspositionen sind es 41 Prozent. Wir sind bei dem Thema Frauenförderung schon sehr weit.

Wie sind Sie selbst gefördert worden?

Ich habe hier im Haus bereits als junge Frau die Chance bekommen, Verantwortung zu übernehmen. Zum Beispiel habe ich mich während der Sanierung der Bank ab 2000 mit einem Team um die Neuausrichtung, den Umbau der Filialen und die Qualifikation der Mitarbeiter gekümmert. Danach ist mein Aufstieg Schritt für Schritt geplant worden. Zuletzt hat mir die Bank ermöglicht, an einem Managementprogramm in Harvard teilzunehmen.

Wie wollen Sie bei der Volksbank den Einfluss von Frauen stärken?

Auf meine Initiative hin wird es künftig einen Unternehmerinnen-Beirat geben. In dem sollen 25 Unternehmerinnen aus Berlin und Brandenburg zusammenkommen und ihre Sicht auf das Finanzgeschäft einbringen. Auf diese Weise möchte ich Frauen als Kunden und Wirtschaftsentscheider stärker an die Berliner Volksbank binden und ihnen als Zielgruppe mehr Aufmerksamkeit schenken. Außerdem können wir so auch einen aktiven Beitrag zur Diskussion über Frauen in der Wirtschaft leisten.

Das Gespräch führte Carla Neuhaus

DIE BANKERIN

Tanja Müller-Ziegler (41) verstärkt seit April als stellvertretendes Mitglied den Vorstand der Berliner Volksbank. Als erste Frau in dem Gremium kümmert sie sich um den Verbraucherschutz, Compliance, Recht und gesetzliche Kontrollen. Die gebürtige Schwäbin hat nach dem Wirtschaftsstudium in Augsburg ihre Karriere als Revisorin bei einer Münchner Investmentgesellschaft begonnen. 1998 wechselte sie dann zur

Berliner Volksbank, wo sie ab 2000 federführend für die Sanierung des Instituts zuständig war. Bevor sie in den Vorstand aufstieg, war sie als Bereichsleiterin für das Privat- und Firmenkundengeschäft verantwortlich. MüllerZiegler wohnt in Potsdam. In ihrer Freizeit fährt sie Mountainbike.

DIE BANK

Die Berliner Volksbank ist – gemessen an ihrer Bilanzsumme von 9,85 Milliarden Euro – die drittgrößte Genossenschaftsbank Deutschlands. 1999 fusionierte sie mit der Grundkreditbank/Köpenicker Bank. Die Volksbank beschäftigt derzeit rund 2100 Mitarbeiter und ist mit 68 Filialen in Berlin und 49 in Brandenburg vertreten.

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