Wirtschaft : Volkswagen fährt wieder feste Schichten

THOMAS GESTERKAMP

WOLFSBURG .Ab dem 8.Februar werden 21 000 VW-Arbeiter am Standort Wolfsburg wieder in festen Acht-Stunden-Schichten arbeiten: Arbeitsbeginn ist um halb sieben morgens, um halb drei nachmittags oder um halb elf Uhr abends.Von den "stabilen Mannschaften" verspricht sich das Management eine bessere Abstimmung der einzelnen Werksabteilungen und damit eine "Optimierung der Produktionsabläufe".In Wolfsburg sollen 1999 rund 730 000 Fahrzeug vom Band laufen, 89 000 mehr als im Jahr zuvor.

Ist damit das "Wolfsburger Modell", die vor fünf Jahren eingeführte Verkürzung der Arbeitszeit zur Sicherung von Arbeitsplätzen, gescheitert? "Dieses neue Arbeitszeitmodell will das Unternehmen", sagt Bernd Osterloh vom Betriebsrat.Er betont, daß VW unverändert an der tariflich vereinbarten 28,8 Stunden-Woche festhält.In der Regel wird in der Wolfsburger Golf-Herstellung jetzt von Montag bis Donnerstag gearbeitet; der Freitag dient als Puffer, der Samstag fällt als Arbeitstag weitgehend weg.Geht die Autonachfrage zurück, wird freitags weniger oder gar nicht gearbeitet.Für die Belegschaft sei auf jeden Fall attraktiv, daß ein "drei Tage Wochenende möglich ist".

Seit 1994 ist das VW-Modell immer wieder modifiziert worden.Die von Arbeitsdirektor Peter Hartz propagierte "atmende Fabrik" bedeutet, daß sich die Mitarbeiter der schwankenden Auftragslage anpassen sollen.Durch den Boom in der Autoindustrie ist die Arbeitszeit im Schnitt auf 32 Stunden wöchentlich gestiegen, teilweise liegt sie noch höher."Wir machen heute auf Basis der Viertagewoche wieder so viele Überstunden wie 1993", bedauert Betriebsrat Osterloh.Mit rund 102 000 Beschäftigten im Inland hat VW wieder die Belegschaftsstärke von vor fünf Jahren erreicht - nachdem diese zwischenzeitlich durch Frühverrentung und natürliche Fluktuation auf 96 000 gesunken war.

Vor fünf Jahren war die Lage von VW ganz anders.In einer tiefen Absatzkrise der Autoindustrie drohte einem Drittel der Belegschaft die Entlassung - 1994 reduzierte das Unternehmen deshalb die Wochenarbeitszeit auf 28,8 Stunden.Wie in einem Laborversuch ließen sich in der monostrukturierten "Company Town" Wolfsburg - 126 000 Einwohner, fast 50 000 Beschäftigte bei VW - die Folgen von radikaler Arbeitszeitverkürzung studieren.Ergebnis: Die Mehrheit der Belegschaft hat den Freizeitgewinn schätzen gelernt, obwohl er mit einem teilweisen Einkommensverzicht verbunden ist.Handwerksverbände und Baugewerkschafter klagten 1998 jedoch, im östlichen Niedersachsen sei ein Anwachsen der Schwarzarbeit festzustellen.Angeblich brummten freitags die Heimwerkermärkte.Malermeister oder Fliesenleger bekämen weniger Aufträge.Das paßte ins schwarzweiß gemalte Bild des VW-Arbeiters, der möglichst viel Geld verdienen will und Verdienstausfälle durch Nebenjobs auszugleichen versucht.Empirisch nachweisbar waren solche Zusammenhänge schon deshalb nicht, weil es den arbeitsfreien Freitag für alle bei Volkswagen nie gegeben hat.Die griffige Formel von der Viertagewoche war im betrieblichen Alltag nur eine von zahlreichen Möglichkeiten.Zeitweise existierten bis zu 150 Varianten, anteilig zu reduzieren.

VW spart seit 1994 pro Jahr rund 1,5 Mrd.DM Personalkosten.Daß die Idee einer radikalen Arbeitszeitverkürzung gerade von VW kam, ist kein Zufall: Der Durchschnittslohn liegt um rund 1000 DM höher als im Mittel der Metallindustrie.Unter 30 Stunden zu arbeiten und dabei leichte Einkommenskürzungen in Kauf zu nehmen, konnten sich bei VW mehr Arbeitnehmer erlauben als anderswo.Viele unterstützen Umverteilungskonzepte nur dann, wenn die eigene Stelle gefährdet scheint.Innerhalb des Autokonzerns hat der Solidarpakt funktioniert; der stellvertretende IG Metall-Chef Jürgen Peters - damals Bezirkschef in Niedersachsen - betrachtet das Volkswagen-Beispiel deshalb stolz als "Baugerüst für das Bündnis für Arbeit".

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