Volkswagen in der Krise : Was folgt aus dem Abgas-Skandal?

Die Aktie von Volkswagen fällt nach Bekanntwerden des Abgas-Skandals kräftig. In der Branche werden Forderungen nach personellen Konsequenzen laut.

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Seit Bekanntwerden des Abgasskandals steht der VW-Konzern unter Druck. picture alliance / dpa
Seit Bekanntwerden des Abgasskandals steht der VW-Konzern unter Druck.Foto: picture alliance / dpa

Ein Scherbenhaufen. Das ist, was von diesem „Jahr mit großen Schlagzeilen“ für Volkswagen übrig bleiben könnte, das Konzernchef Martin Winterkorn noch vor Kurzem angekündigt hatte. Der Ruf – beschädigt; der Aktienkurs – ins Bodenlose gefallen; der finanzielle Schaden – noch nicht abzusehen; personelle Konsequenzen – unvermeidlich. Am Dienstag, Tag vier nach Bekanntwerden der Manipulationsvorwürfe gegen den deutschen Autohersteller in den USA, wurden die Dimensionen deutlich, die der Abgas-Skandal annehmen kann. „Am Montag war die Rede von einer halben Million betroffener Autos, am Dienstag sind es dann schon elf Millionen“, fasst Analyst Frank Schwope zusammen. „Niemand kann sagen, ob wir schon das ganze Ausmaß sehen“, erläutert der Automobilexperte der NordLB.

„Der Abgas-Skandal ist nicht, was VW in seiner Existenz bedroht“

Wer an die alte Weisheit glaubt, an den Börsen werde die Zukunft gehandelt, gewinnt den Eindruck, das Ausmaß des Skandals könnte noch viel größer sein. Um 20 Prozent rauschte der Kurs der VW-Aktie in die Tiefe, wohlgemerkt am zweiten Tag in Folge. Binnen 48 Stunden verliert der größte europäische Autohersteller an der Börse in zweistelliger Milliardenhöhe an Wert. Mit der Substanz, mit Absatz-, Umsatz-, Gewinnzahlen hat dieser Verlust zunächst nichts zu tun. Die liquiden Mittel liegen bei rund 20 Milliarden Euro. Analysten warnen deshalb vor Panik. „Der Abgas-Skandal ist aus unserer Sicht nichts, was VW in seiner Existenz bedroht“, sagt Schwope. „Allerdings könnten die 6,5 Milliarden Euro Rückstellung eine Untergrenze darstellen.“

Gewinnwarnung für Anleger wegen angekündigter Milliarden-Rückstellung

Der VW-Konzern hatte am Dienstag in Aussicht gestellt, den genannten Milliardenbetrag für die aus der Affäre entstehenden Kosten im dritten Quartal zu reservieren. Ob das reichen wird, ist offen. Die US-Umweltbehörde Epa hatte die möglichen Kosten, die infolge der Manipulation von Abgasuntersuchungen auflaufen könnten, zunächst mit bis zu 18 Milliarden Dollar (etwa 16 Milliarden Euro) beziffert. Berechnungsgrundlage waren dabei jedoch nur eine halbe Million Fahrzeuge gewesen, die die Epa beanstandet hatte. Strafen drohen dem Konzern vor allem in Kalifornien. Der Bundesstaat hat die schärfsten Emissionsvorschriften der USA – für Hersteller, die auf diesem Markt aktiv sind, sind sie deshalb maßgebend. VW selbst hat bei internen Prüfungen weltweit rund elf Millionen Fahrzeuge identifiziert, bei denen es deutliche Abweichungen zwischen Prüfwerten und dem realen Fahrbetrieb gab, wie der Konzern am Dienstag mitteilte. Wegen der angekündigten Milliarden-Rückstellung gab VW eine Gewinnwarnung für das laufende Jahr heraus.

Privatanleger und institutionelle Investoren ziehen Schadensersatzklagen in Betracht

Angesichts der bislang bekannten Zahlen mag der zurückgestellte Betrag gering erscheinen. Neben möglichen Strafzahlungen an die US-Behörden kommen Rückruf- und andere Service-Kosten auf den Konzern zu. Die auf Kapitalmarktrecht spezialisierte Kanzlei Tilp registrierte nach eigenen Angaben bereits Dutzende Anfragen von Privatanlegern und institutionellen Investoren hinsichtlich Schadensersatzklagen wegen des hohen Kursverlusts. Am Ende könnten die Schäden im Milliardenbereich liegen, sagte Anwalt Marc Schiefer der Nachrichtenagentur Reuters. Die Finanzaufsicht Bafin prüft nun, ob Volkswagen seine Anleger per Ad-hoc-Nachricht über den Abgas-Skandal hätte informieren müssen. Wie in vergleichbaren Fällen „mit deutlichen Kursveränderungen“ sehe sich die Bundesbehörde auch den Handel in VW-Papieren in Bezug auf Insiderhandel oder Marktmanipulation an, sagte eine Sprecherin. Das sei jedoch zunächst einmal reine Routine.

Kampflos wird Winterkorn seinen Posten nicht räumen

Ob Winterkorn – trotz seines deutlichen Bekenntnisses zum Konzern am Dienstagabend – noch der richtige Mann an der Spitze ist, wird in der Konzernspitze bezweifelt. Der nun erforderliche Aufbruch sei mit Winterkorn nicht möglich, hieß es in Konzernkreisen. „Wir haben extrem viel Vertrauen verspielt“, und nach der Affäre sei Europas größter Autohersteller „ganz sicher nicht mehr derselbe“. Im Übrigen sei auch noch offen, ob die Abgaswerte in Deutschland und Europa korrekt sind. In dieser Situation könne man die Verantwortung nicht irgendeinem Motorenentwickler geben, sondern der Vorstandschef selbst habe für die Katastrophe geradezustehen und müsse gehen. Ein Nachfolger steht offenbar im Konzern bereit: Porsche-Chef Matthias Müller. Den hatte der damalige Aufsichtsratschef Piëch, als er im Frühjahr auf Distanz zu Winterkorn ging, gefragt, ob er nicht Winterkorns Nachfolger werden wolle. Ein halbes Jahr später könnte es nun doch noch dazu kommen – späte Genugtuung für Ferdinand Piëch. Volkswagen selbst dementierte solche Überlegungen klar. Winterkorn machte mit seiner Videobotschaft zumindest eines deutlich: Kampflos wird er seinen Posten nicht räumen. An diesem Mittwoch tagt das Präsidium des Aufsichtsrats. Aktionärsschützer sprechen sich gegen eine schnelle Ablösung Winterkorns aus. „Man muss dem Unternehmen Zeit geben aufzuklären, wer von der Affäre gewusst hat oder wer etwas hätte wissen müssen“, sagte Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Winterkorn müsse nun aber schnell erklären, warum er nicht involviert war und warum er von der Affäre nichts habe wissen können.

Branchenkenner schätzen die Langzeit-Auswirkung auf den Absatz von VW gering ein

In den USA ist das Verständnis für das Festhalten an Winterkorn begrenzt. Wirtschaftsexperten privater wie öffentlicher Hochschulen zeigen sich überrascht. „Wäre VW ein US-Unternehmen“, erläutert einer, „hätte er augenblicklich seine Koffer packen müssen.“ Umweltschützer werfen VW vor, der Fall untergrabe alle Versprechen der Branche hinsichtlich „sauberen“ Diesels. Viele Autobauer hatten in den vergangenen Jahren verstärkt für Diesel als besonders effizienten Treibstoff geworben. Auch US-Hersteller bauen Diesel-Autos, nach wie vor wird der Kraftstoff aber größtenteils für Lastkraftwagen und landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge eingesetzt. Regionale Medien werfen VW „dreiste und arglistige Täuschung“ vor – und fordern, dass der Konzern „voll zur Verantwortung gezogen wird“. Gleichzeitig schätzen Branchenkenner die Langzeit-Auswirkungen auf den Absatz des Unternehmens gering ein. „Es wird nicht so weh tun wie wir jetzt vielleicht glauben“, sagt ein Händler in Seattle. Zwar sei das Vergehen von Volkswagen von bemerkenswert krimineller Energie – verglichen mit den Rückrufen, die etwa Toyota zuletzt hatte starten müssen, sagt Aaron Bragman, leitender Mitarbeiter der Online-Plattform Cars.com. Gleichzeitig seien Ausmaß und Tragweite weit geringer. „Es besteht keine echte Gefahr für die Nutzer, niemand kam ums Leben, vielerorts sind die Grenzwerte ohnehin höher.“ Das Ansehen deutscher Ingenieurskunst habe nicht gelitten.

Imageschaden für die gesamte Branche möglich

Im Land der Ingenieure sind Fachleute davon nicht hinreichend überzeugt. Inzwischen ist auch aus Kreisen der Hersteller zu hören, dass sich der Imageschaden nicht auf VW und seine zwölf Marken beschränken könnte. Analysten teilen diese Auffassung. „Warum sollte nur ein Motor betroffen sein, warum nur ein Konzern? Das sind Fragen, die man sich stellen kann“, sagt NordLB-Experte Schwope.

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