Wirtschaft : Volkswagen schockt die Börse

Nach einer Gewinnwarnung für das laufende Jahr stürzt die Aktie ab/Erst 2004 Wende zum Besseren erwartet

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Berlin (alf). Mit einer Gewinnwarnung hat VWChef Bernd Pischetsrieder die Finanzmärkte erschreckt. Nachdem Pischetsrieder bei der Bilanzpressekonferenz in Dresden angekündigt hatte, dass Europas größter Autohersteller das Vorjahresergebnis „nicht erreichen kann“, stürzte die VW-Aktie am Dienstag zeitweise um zwölf Prozent ab. Im ersten Quartal 2003 werde das Konzernergebnis „deutlich“ unter dem Vorjahr liegen, sagte Pischetsrieder; damals hatte es einen Gewinn von 1,13 Milliarden Euro gegeben. Für 2004 erwartet der Vorstandsvorsitzende wieder höhere Gewinne, das gegenwärtig schwache Bild des Konzerns werde sich dann „ins Gegenteil verkehren“ und VW wieder eine „hervorragende Rolle auf den Märkten“ spielen.

Pischetsrieder kündigte drastische Einsparungen von mehr als zehn Prozent bei den Investitionen in diesem Jahr an. Ferner will der Konzern mit den Marken VW, Audi, Skoda, Seat, Bentley, Lamborghini und Bugatti mit weltweit 20 neuen Modelle in diesem Jahr der schwachen Nachfrage auf die Sprünge helfen; allein in China werden fünf neue Autos eingeführt. Der Konzernchef sprach in dem Zusammenhang von einem „Mammutprogramm“, das „wichtigste Ereignis“ sei die Einführung des neuen Golf, der im September auf der Autoausstellung IAA in Frankfurt (Main) vorgestellt wird. Der nächste Passat kommt voraussichtlich erst Ende 2004 auf den Markt.

In den ersten beiden Monaten verkaufte der VW-Konzern weltweit 732000 Autos, das waren 4,5 Prozent mehr als vor einem Jahr. Allerdings verdankt sich dieser Zuwachs ausschließlich der rasanten Nachfrage in China, wo VW im Januar und Februar 64000 Autos mehr verkaufte als vor Jahresfrist, während im Rest der Welt 32 000 Autos weniger von den Konzernmarken verkauft wurden. Allein auf Grund des starken chinesischen Marktes, wo der Marktanteil der Wolfsburger zuletzt bei 38,5 Prozent lag, erwartet Pischetsrieder in diesem Jahr einen Absatz von mehr als fünf Millionen Autos; 2002 waren 4,98 (2001: 5,08) Millionen Fahrzeuge in aller Welt verkauft worden.

Nachdem VW 2001, damals im letzten Jahr unter dem Vorstandsvorsitzenden Ferdinand Piëch, mit 5,4 Milliarden Euro ein Rekordergebnis erzielen konnte, gab es 2002 einen Rückschlag auf 4,8 Milliarden Euro. Zwar brachten Einsparungen in der Produktion und beim Einkauf rund eine Milliarde Euro. Doch der Dollar-Euro-Wechselkurs belastete das VW-Ergebnis mit 500 Millionen Euro, der geringere Absatz reduzierte den Gewinn um 600 Millionen Euro. Weitere 526 Millionen Euro wurden fällig für Wertberichtungen auf Aktien. Schließlich schlugen sich die Qualitätsprobleme inklusive Rückrufaktionen nieder: Die Rückstellungen für Gewährleistungen (siehe Lexikon auf Seite 19) wurden um gut 13 Prozent auf 4,4 Milliarden Euro erhöht. Das Ergebnis nach Steuern lag 2002 bei 2,60 (Vorjahr: 2,93) Milliarden Euro, die Aktionäre sollen trotzdem eine unveränderte Dividende von 1,30 Euro (Stammaktien) und 1,36 Euro (Vorzüge) bekommen. Im vergangenen Jahr beschäftigte VW weltweit mit knapp 324000 Mitarbeitern annähernd so viele wie im Jahr zuvor; in der Bundesrepublik arbeiteten zuletzt 167500 Personen für VW.

Der Recklinghauser Autoprofessor Ferdinand Dudenhöfer zeigte sich kaum überrascht von Pischetsrieders Prognose für 2003/2004. Insbesondere das laufende Jahr sei für Pischetsrieder sehr schwer, weil er „mit einem leeren Köcher auf einem schwierigen Markt“ agiere, also zu wenig Neuheiten bringe, sagte Dudenhöfer auf Anfrage. Bei den angekündigten 20 neuen Modellen zähle der VW-Chef offenbar auch die Autos mit, die nur mit einem neuen Motor ausgerüstet würden.

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