Wirtschaft : Volkswagen startet von Dresden aus in die Oberklasse

Alfons Frese

Eines der größten Abenteuer in der Unternehmensgeschichte feiert VW im handverlesenen Kreis. Bundeskanzler Gerhard Schröder und Ministerpräsident Kurt Biedenkopf werden heute mit freundlichen Worten die Risikofreude des Wolfsburger Konzerns würdigen, wenn in Dresden die so genannte gläserne Manufaktur eröffnet wird.

Rund 365 Millionen Mark hat sich VW die Fabrik kosten lassen, in der bis zu 800 Personen bis zu 30 000 Luxusautos im Jahr zusammenschrauben können. Volkswagen baut Limousinen - Konzernchef Ferdinand Piëch hat damit sein Ziel erreicht, Europas größten Autohersteller "weiter oben" zu positionieren, also vor allem gegen Mercedes antreten zu lassen. Die Konzernstrategie: Audi greift BMW an und VW attackiert Mercedes. Vor einigen Jahren war der Wettbewerber aus Stuttgart den anderen Weg gegangen, indem mit der A-Klasse die Mercedes-Palette nach unten erweitert und der VW Golf ins Visir genommen wurde.

Die ersten Fahrversuche des neuen Modells endeten allerdings verheerend, der kleine Benz legte sich beim Elch-Test lang und musste für viel Geld nachgerüstet werden. Vor einem Elch muss sich der tonnenschwere VW D1 - allein der Motor wiegt inklusive Getriebe rund 1800 Kilogramm - nicht fürchten. Den VW-Managern und Technikern macht vielmehr die Komplexität des mit Elektronik vollgestopften Autos Sorgen. Ein Handbuch über mögliche Fehler inklusive Reparaturhinweisen würde 500 Seiten umfassen. Da Piëch und sein Nachfolger Bernd Pischetsrieder, der zurzeit noch für die Qualitätssicherung im Konzern zuständig ist, mächtig Angst vor einer verpatzten Markteinführung haben, wurde diese immer wieder verschoben.

Eigentlich sollte der D1 mit dem Genfer Autosalon, wo er im kommenden März präsentiert wird, auch bei rund 120 VW-Händlern in Deutschland zu kaufen sein. Nun ist der Verkaufsstart für Mai angepeilt; der Preis ist - wie der endgültige Name des Autos - noch offen und wird wohl um die 150 000 Mark liegen. In Berlin wurden insgesamt sechs Händler von VW als "Leistungszentrum" ausgewählt, die den D1 verkaufen dürfen.

Zur Markteinführung rüstet VW die Limousine mit einem 3,2 Liter V6 Motor mit 241 PS, einem 6,0 Liter W12 mit 420 PS und einem Fünf-Liter-Dieselmotor V10 mit 313 PS. Das Auto ist gut fünf Meter lang und knapp zwei Meter breit. Die Karosserie besteht zum Teil aus Aluminium, besonders stolz ist VW auf die Türen: "Aus einem vollverzinkten Alu-Druckguss-System gefertigt, übertreffen sie in ihrer Steifigkeit die bislang realisierten Strukturen deutlich." An allen Plätze kann die Temperatur individuell geregelt werden. Vorne in der Mittelkonsole befindet sich das "Infotainmentcenter" mit einem sieben Zoll großen 16:9-Farbdisplay. Dazu gehört eine "Audioanlage in Konzertqualität", natürlich ein Navigationssystem, TV und Telefon.

30 000 Limousinen möglich

Wer soll dieses Auto kaufen? Aufsteiger, Freiberufler, Individualisten, heißt es in Wolfsburg. Doch das die Jahreskapazität in Dresden ausgeschöpft wird, glauben nicht einmal die größten Konzern-Optimisten. Im kommenden Jahr will Volkswagen mindestens 5000 Limousinen verkaufen, und irgendwann, wenn das Auto weltweit eingeführt ist, könnten jedes Jahr rund 20 000 abgesetzt werden. Auch Jürgen Pieper, Analyst bei Metzler Equity Research, hält 20 000 für erreichbar. Die Piëch-Strategie, VW in die Oberklasse zu fahren, sei im Übrigen richtig, denn "große Autos bringen große Margen". Deshalb mache die Modellerweiterung nach oben eher Sinn als der Weg nach unten, wie eben bei Mercedes mit der A-Klasse oder bei BMW mit dem Mini. Kritik an der Markenstrategie äußert Pieper in Bezug auf den Umgang mit Audi. Der D1, aber vor allem auch der demnächst auf den Markt kommende VW-Geländewagen hätte besser in das Produktprogramm der VW-Tochter Audi gepasst, die damit auch als exklusive Marke gestärkt worden wäre.

Aber das ist Schnee von gestern. Piëch will VW als Kernmarke des Konzerns - außer VW und Audi gehören Skoda, Seat, Bentley, Bugatti, Lamborghini sowie eine strategische Beteiligung an Skania dazu - stärken, das Image heben und über höhere Preise die Margen verbessern. Das ist zum Teil bereits gelungen. Beim Passat zum Beispiel kann VW einen Premiumaufschlag von rund zehn Prozent im Vergleich zum gleichwertigen Ford Mondeo kassieren. Schließlich belegen die hohen Wiederverkaufspreise, dass Piëchs Strategie aufgeht. Jedenfalls bis jetzt. Mit dem D1 fährt VW nun auf unbekanntes und ziemlich teures Terrain. Addiert man die Kosten von D1, Bentley, Bugatti, Geländewagen und Lamborghini, dann kostet der Angriff in der Oberklasse einige Milliarden. Dafür muss Volkswagen viele Polo, Golf und Passat verkaufen.

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