Volkswagen und die Krise : Kein Totalschaden

Die Krise macht es möglich: VW bekommt eine neue Führung und eine neue Struktur.

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Bröckelnder Mythos. Ein alter Golf auf einem Schrottplatz in Wiesbaden.
Bröckelnder Mythos. Ein alter Golf auf einem Schrottplatz in Wiesbaden.Foto: dpa

Der Aufsichtsrat von VW hat erste Schlussfolgerungen aus dem Abgasbetrug gezogen und den Konzern personell und strukturell neu aufgestellt. Das ging flott, weil die Krise Veränderungen ermöglicht, die unter normalen Umständen gegen das Establishment nicht durchzusetzen sind. Jetzt war die Zeit reif für eine Struktur, die nicht mehr auf ein paar alte Männer ausgerichtet ist, in der Befehl und Gehorsam die Führungskultur prägen und in der alle Entscheidungen einer Weltfirma mit 600 000 Mitarbeitern in einem Hochhaus am Mittellandkanal getroffen werden.

Volkswagen wird nach der Krise 2015 dezentraler und demokratischer, offener und beweglicher und idealerweise auch widerstandsfähiger gegen Trickser und Täuscher, weil es weniger Duckmäuser gibt als in der Dynastie der Fürsten Piëch und Winterkorn. Dem neuen Team mit Matthias Müller an der Spitze ist zu wünschen, dass es sich bald mit Autos beschäftigen kann. Für ein paar Ermittler und Anwälte wird das Geld noch reichen, um schnellstmöglich die Affäre aufzuklären, mit Hilfe von außergerichtlichen Vergleichen Rechtssicherheit zu schaffen und sich gegen Trittbrettfahrer zu wehren, die den Diesel als Ursache für alle möglichen Übel sehen.

Die Krise kratzt nicht an der herausragenden Qualität der Autos

Der Betrug selbst ist vergleichsweise läppisch gemessen an der Wirkung auf die wichtigste Währung überhaupt – Vertrauen. Aufklärungsbereitschaft und Auftreten von Müller sind jetzt wichtig, dazu ein bisschen Demut. Zumal Bescheidenheit nicht zu den Markenzeichen einer Branche gehört, die ihre ganze Großartigkeit zurzeit auf der IAA zur Schau stellt. Selbstbewusstsein ist berechtigt, die Autos aus deutscher Produktion sind Weltklasse, auch bei den Verbrauchs- und Emissionswerten. In ihrer Genugtuung über die entdeckte Abgasmanipulation verkennen das viele Ökos.

Der Erfolg von VW und BMW, Mercedes und Audi verdankt sich auch dem Dieselmotor. Aber wie sauber/schmutzig ist der wirklich? Hat er womöglich die besten Tage hinter sich? Wie sehen künftige Testverfahren und Abgasgrenzwerte aus? Bisher hat die Branche, in Deutschland repräsentiert von Matthias Wissmann, einem früheren Bundesminister mit freundschaftlichen Kontakten ins Kanzleramt, erfolgreich ihre Interessen in Berlin und Brüssel vertreten. Das ist legitim und entspricht durchaus der wirtschaftlichen Bedeutung. In absehbarer Zeit wird das indes schwieriger sein. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Und die Politiker werden auf Distanz gehen zu den feinen Herren mit den schmutzigen Methoden.

VW wird ein anderes Unternehmen werden oder scheitern

Es geht ums Geschäft. Und wenn Geschäfte reguliert werden, dann versuchen Unternehmen den Regulierungsrahmen womöglich zu dehnen – oder noch bessere Geschäfte sogar außerhalb des Rahmens zu machen. Das ist passiert, das ist kriminell, dafür wird VW bezahlen. An der herausragenden Qualität der Autos kratzt das aber nicht, ob sie nun das VW-, Audi- oder Skoda-Logo tragen. Und die Neigung der Menschen zu schicken und schnellen Fahrzeugen mit viel Technik wird sich auch nicht verändern. Dennoch wird VW in wenigen Jahren ein anderes Unternehmen sein. Oder an der eigenen Größe scheitern.

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