Volkswagen : Winterkorns Spagat

Der Wolfsburger Autokonzern bilanziert das Rekordjahr 2012 – und warnt vor überzogenen Erwartungen für 2013.

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„Technologischer Leuchtturm“, so nennt Martin Winterkorn den VW XL1, der bis zu 50 Kilometer elektrisch fahren kann.
„Technologischer Leuchtturm“, so nennt Martin Winterkorn den VW XL1, der bis zu 50 Kilometer elektrisch fahren kann.Foto: AFP

Wenn es bei einem Unternehmen so rund läuft wie bei Volkswagen, dann kann der Vorstand eigentlich nur mit zwei Dingen überraschen: mit düsterem Pessimismus oder großspurigen Expansionsplänen. VW-Chef Martin Winterkorn vermied am Donnerstag bei der Bilanzvorstellung in Wolfsburg beides – dennoch hatte er einiges Unerwartete parat.

Nachdrücklicher als bisher warnte der VW-Chef vor den Schwächen des Automarktes in Europa: Nach einem Rekordjahr 2012 müsse sich der größte Autohersteller des Kontinents 2013 „mehr denn je ins Zeug legen“, um vom „Gegenwind“ nicht ausgebremst zu werden. „2013 wird für die gesamte Branche zum Jahr der Bewährung“, sagte Winterkorn. Die Schuldenkrise sei nicht überwunden, die konjunkturelle Großwetterlage bleibe unsicher, der Wettbewerbsdruck hoch. Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch sekundierte: „Es ist ratsam, realistisch zu bleiben.“ Für den Konzern mit seinen zwölf Marken heiße dies: Das Geschäft im ersten Quartal werde „klar unter Vorjahr“ laufen. Und im Gesamtjahr werde man zwar mehr Umsatz machen (2012: 193 Milliarden Euro) und mehr Fahrzeuge verkaufen (2012: 9,3 Millionen). Das operative Ergebnis werde aber bestenfalls auf dem Niveau des Vorjahres (11,5 Milliarden Euro) stagnieren und die Umsatzrendite (2012: 6,0 Prozent) deshalb naturgemäß „verwässert“. Für die Börse war das zu viel Pessimismus: Während der Dax über die 8000-Punkte-Marke sprang, schmierte die VW-Aktie zeitweise mehr als drei Prozent ab.

Dabei hatten Winterkorn und seine acht Vorstandskollegen eine Fülle von Argumenten parat, warum der VW-Konzern 2013 „aus einer Position der Stärke angehen“ kann. Stichwort Expansion: Winterkorn kündigte an, Volkswagen werde in den kommenden Jahren mindestens zehn weitere Werke errichten – davon allein sieben in China. 100 Fahrzeugwerke hat der Konzern schon rund um den Globus, in China sind es aktuell zwölf. Das Reich der Mitte ist der größte Markt für Volkswagen und wird als Wachstumstreiber weiter an Bedeutung gewinnen. 2012 lieferte das dortige Joint-Venture ein operatives Ergebnis von 3,7 Milliarden Euro ab, 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Mit Jochem Heizmann, früher für die Lkw-Sparte verantwortlich, hat VW einen eigenen China- Vorstand installiert. Die Lastwagen verantwortet jetzt Scania-Chef Leif Östling.

Die Prioritäten verschieben sich: „Der Volkswagen-Konzern ist ein gutes Stück chinesischer, amerikanischer, russischer und brasilianischer geworden“, sagte der VW-Chef. In Zahlen wird die Globalisierung der Niedersachsen konkret: Rund 60 Prozent seiner Fahrzeuge verkauft VW außerhalb Europas, ein Drittel aller Werke steht außerhalb Europas, 140 000 der 550 000 VW-Beschäftigten arbeiten außerhalb Europas. Man stimme deshalb nicht „in den allgemeinen Abgesang auf Europa ein“, sagte Winterkorn. Aber die Musik, das wird in seiner Analyse deutlich, die Musik spielt woanders.

Auch deshalb ist VW zu einem Spagat gezwungen. Die Premiummarken Audi, Porsche, Bentley, Lamborghini und Bugatti, die mehr als die Hälfte des Gewinns einfahren, verkaufen sich in den Wachstumsmärkten besonders gut. In den gesättigten Märkten zwingen Klimavorschriften und Preisdruck den Konzern zu mehr Effizienz, kleineren Autos und niedrigeren Preisen. Winterkorn will VW stärker im Markt der „Einstiegsmobilität“ profilieren. Mit seiner „New Small Family“ rund um das Modell VW Up ist ein Anfang gemacht. „In absehbarer Zeit wollen wir in China ein echtes ,Budget-Car’ auf den Markt bringen“, sagte Winterkorn. Das Auto solle 6000 bis 7000 Euro kosten, die Entwicklung sei angelaufen. Die „Nummer eins in Sachen alternative Antriebe“ vergibt der VW-Chef für die Plug-in-Hybride, also Fahrzeuge mit kombiniertem Elektro- und Verbrennungsmotor. Hier kündigt VW eine „große Offensive“ an. Das soll kein Abschied von rein batteriebetriebenen E-Autos sein. „Die Elektromobilität ist nicht tot“ – aber auch hier werden neue Schwerpunkte gesetzt. Das in Genf präsentierte Ein-Liter-Auto XL1 sei ein „technologischer Leuchtturm“.

Einsilbiger wurde Winterkorn beim Thema Geld, als er nach seinen umstrittenen Millionenbezügen gefragt wurde, die der Aufsichtsrat unlängst gedeckelt hatte. In einer vorbereiteten Erklärung warnte der VW-Chef vor einer „monatelangen Debatte“. Der Erfolg von VW sei das Ergebnis einer starken Mannschaftsleistung, die der Konzern auf allen Ebenen honoriere. Jeder VW-Mitarbeiter bekomme für das Jahr 2012 eine Prämie in Höhe von 7200 Euro. Winterkorn, der 2012 insgesamt 14,5 Millionen Euro kassierte, verdiene beim Leistungsentgelt das 28-Fache eines Facharbeiters, fügte Personalvorstand Horst Neumann hinzu. Das sei wohl angemessen. Und bei der Gewinnbeteiligung entfielen lediglich 0,25 Prozent auf den Gesamtvorstand. Ein Drittel gehe als Steuer an den Staat.

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