Volkswagen-Zulieferer : Das bedeutet der Streit für VW und die Kunden

Der Konflikt zwischen VW und dem Zulieferer Prevent eskaliert. Doch wie gefährlich ist die Auseinandersetzung? Fragen und Antworten zum Thema.

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VW-Mitarbeiter arbeiten im Volkswagen-Werk in Wolfsburg.
VW-Mitarbeiter arbeiten im Volkswagen-Werk in Wolfsburg.Foto: dpa

Prevent, ein relativ kleiner, aber wichtiger Zulieferer des Zwölf-Marken-Herstellers Volkswagen hat die Lieferung von Bauteilen eingestellt. Es geht um Autositze und Getriebeteile, die die Prevent-Töchter Car Trim und ES Automobilguss herstellen und die in der Produktion fehlen. Deshalb muss kommende Woche die Produktion in verschiedenen VW-Werken ruhen, unter anderem im Wolfsburger Stammwerk. VW wird voraussichtlich insgesamt mehrere Zehntausend Beschäftigte in Kurzarbeit schicken müssen. Ob Preis- oder Qualitätsfragen für den Lieferstopp ursächlich sind, ist umstritten. Grundsätzlich schließen Hersteller und Lieferant Verträge über einen Modellzyklus ab. Mit jedem neuen Modell werden in der Regel niedrigere Preise und/oder eine höhere Qualität vom Lieferanten erwartet und vereinbart.

Wer ist Prevent?

Der Zulieferer besteht aus verschiedenen Unternehmen, die unter anderem Autoteile produzieren. Die Gruppe beschäftigt an weltweit 30 Standorten etwa 1000 Mitarbeiter und erzielte zuletzt einen Jahresumsatz von 500 Millionen Euro. Die Tochter ES Automobilguss produziert im sächsischen Schönheide Gussteile für Getriebe. Am kommenden Dienstag soll es nach Angaben der örtlichen IG Metall in Schönheide mit mehr rund 400 Beschäftigten eine Betriebsversammlung geben.

Wie in Wolfsburg zu hören ist, gibt es mit einzelnen dieser Unternehmen störungsfreie Lieferbeziehungen seit Jahrzehnten. Deshalb gab es in der VW-Stadt wohl auch nicht die Sorge, von diesem „Schlüssellieferanten“ jemals in die Kurzarbeit geschickt werden zu können. Beim Verband der Autoindustrie, der sowohl die Hersteller als auch die Zulieferer vertritt, ist Prevent ein unbeschriebenes Blatt und gehört nicht zu den Mitgliedsfirmen. Umso überraschender, dass sich Volkswagen so an das Unternehmen gebunden hat. Unabhängig vom Ausgang des Rechtsstreits mit VW ist Prevent als Lieferant der Autoindustrie wohl erledigt.

Die beiden Töchter der Prevent- Gruppe wiesen am Freitag jede Schuld an der Zuspitzung des Konflikts von sich. Für die Krise bei VW und die dadurch entstandene Kurzarbeit sei man nicht verantwortlich, teilte Alexander Gerstung, Mitglied der Geschäftsführung der ES Automobilguss GmbH, mit. „VW zwingt uns zu diesem Vorgehen, um unsere eigenen Mitarbeiter in Niedersachsen und Sachsen zu schützen und letztlich den Fortbestand des Unternehmens zu sichern.“ Die jetzige Situation sei das Resultat einer frist- und grundlosen Kündigung von Aufträgen, die sich nach Darstellung von VW auf die Serienbelieferung bezögen. Die daraus entstandenen Ansprüche auf Seiten der beiden Unternehmen beliefen sich auf einen mittleren zweistelligen Euro-Millionenbetrag.

Volkswagen hatte mit einstweiligen Verfügungen vergeblich versucht, die Prevent-Gruppe zur Wiederaufnahme der Lieferungen zu zwingen. Am Freitag stellte der Konzern beim Landgericht Braunschweig den Antrag, Car Trim durch ein Ordnungsgeld von bis zu 250000 Euro zu Lieferungen zu zwingen. Sollte dies nicht fruchten, soll Ordnungshaft gegen den Geschäftsführer der Firma angedroht werden. Car Trim hat nun einige Tage Zeit für eine Stellungnahme. ES Automobilguss hatte gegen die einstweilige Verfügung Widerspruch eingelegt. Darüber wird am 31. August in mündlicher Verhandlung beraten.

Wie gefährlich ist der Lieferengpass für den VW-Konzern?

Er legt jedenfalls große Teil des Konzerns in Deutschland lahm. An erster Stelle sind die drei Endmontagewerke Wolfsburg, Emden und Zwickau betroffen, wo die Modelle Golf, Passat, Tiguan und Touran produziert werden. In Wolfsburg bauen rund 20000 Beschäftigte jeden Tag 3800 Autos, darunter gut 2000 Golf. Die Golf-Produktion wird hier bis auf weiteres eingestellt, damit die noch spärlich vorhandenen Zulieferteile für den Tiguan genutzt werden können. Der kleine SUV ist gerade neu auf den Markt gekommen und sehr erfolgreich. Hier will VW auf keinen Fall die Kunden mit langen Lieferzeiten verärgern.

In Zwickau beschäftigt VW gut 10000 Personen und in Emden 9500. Ein großer Teil von ihnen geht nun in Kurzarbeit. Das gilt vermutlich auch für das zweitgrößte Werk nach Wolfsburg: In Kassel produzieren rund 16000 Mitarbeiter unter anderem Getriebe für sieben Konzernmarken, vor allem auch für Skoda und Seat. Aber auch andere Komponentenwerke sind betroffen. Bremsscheiben und Schaltungen aus Braunschweig (8700 Mitarbeiter) werden ebenso weniger gebraucht wie Motoren aus Salzgitter (7000 Beschäftigte) und Chemnitz (1750 Beschäftigte), wenn in den Endmontagewerken weniger Autos zusammenschraubt werden.

Die Sorge, der Lieferengpass könnte sich noch ausweiten, treibt vor allem die Menschen in Niedersachsen um. Wolfsburgs Oberbürgermeister Klaus Mohrs appellierte am Freitag an die Verantwortung der für den Lieferstopp verantwortlichen Teilehersteller. „Man kann dieses Vorgehen der Zulieferer nur aufs Schärfste verurteilen, und ich hoffe, dass sie relativ schnell zur Vernunft kommen“, sagte der SPD-Politiker dem NDR.

Wie abhängig ist Volkswagen von Zulieferern?

Volkswagen ist mit zwölf Marken und 120 Fertigungsstandorten in vielen Teilen der Welt einer der größten Autohersteller. Und dazu einer der größten Hersteller von Autoteilen. Der die 1990er Jahre bestimmende Trend zum Outsourcing von Wertschöpfung ist schon lange gestoppt, viele Teile macht Volkswagen selbst. Grundlage dafür ist das System des „Modularen Querbaukastens“: Bestimmte Gleichteile werden in verschiedenen Modelle unterschiedlicher Konzernmarkten eingebaut. Das bringt Skaleneffekt, birgt aber auch ein höheres Risiko: Wenn ein Teil schadhaft ist oder nicht geliefert wird, sind gleich diverse Fahrzeuge und Marken betroffen.

Im Fall von Prevent hat sich Volkswagen aber offenbar in zu große Abhängigkeit von einem einzelnen Lieferanten begeben. Ein Fehler, wie Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Center Automotive Research (CAR), meint. „Ein fast ehernes Gesetz im Einkauf sagt, dass die Beschaffung bei einer Einzelquelle („Single Sourcing“) zwischen einem Weltunternehmen und einem mittelständischen Zulieferer nie der Fall sein darf“, sagte Dudenhöffer. Die Risiken seien einfach viel zu groß und stünden in keinem Verhältnis zu etwaigen Kosteneinsparungen im Einkauf. VW-Einkaufschef Garcia Sanz, der in der Branche als besonders harter Kostendrücker gilt, habe dieses „Grundgesetz im Einkauf“ offenbar missachtet.

Müssen Kunden jetzt länger auf ihren Neuwagen warten?

VW-Händler berichteten am Freitag von ersten besorgten Nachfragen von Kunden, ob ihr Auto pünktlich geliefert wird. In einem Schreiben an die Händler versicherte der VW-Vertrieb, das Unternehmen rechne mit einer Entspannung der Lage. Bei einzelnen Fahrzeugen könne es aber zu Verzögerungen kommen. Falls nötig will sich VW zusammen mit den Händlern darum bemühen, dass die Kunden mobil bleiben. Fahrzeuge, deren Lieferzeitpunkt bereits zugesagt wurde, sollen pünktlich kommen.

Wie funktioniert Kurzarbeit?

Die Bundesagentur für Arbeit zahlt das Kurzarbeitergeld als teilweisen Ersatz für den durch einen vorübergehenden Arbeitsausfall entfallenen Lohn. Der Kurzarbeiter erhält dann 60 Prozent des ausgefallenen Nettoentgelts; lebt mindestens ein Kind mit im Haushalt, beträgt das Kurzarbeitergeld mindestens 67 Prozent. Diverse Bedingungen müssen erfüllt sein: Der Arbeitsunfall muss unvermeidbar sein und vorübergehend, mindestens ein Drittel der im Betrieb beschäftigten Arbeitnehmer sind von einem Arbeits- und Lohnausfall von mindestens zehn Prozent betroffen. Bei der „Kurzarbeit null“ beträgt der Arbeitsausfall 100 Prozent, die Arbeit wird also vorübergehend vollständig eingestellt. Kurzarbeitergeld wird höchstens für zwölf Monate gezahlt.

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