Wirtschaft : Vollbeschäftigung: "Arbeitslosigkeit ist ein mentales Problem"

Finn Mayer-Kuckuk

Obwohl die Wirtschaft Jahr für Jahr wächst, geht die Arbeitslosenquote nicht zurück. Meinhard Miegels Erklärung: Deutschland ist nicht anpassungsfähig genug. Miegel leitet das Institut für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG) in Bonn. Jetzt hat der Professor eine Studie mit dem Titel "Arbeitslosigkeit in Deutschland - Folge unzureichender Anpassung an sich ändernde Bedingungen" vorgelegt.

"Wir haben die Arbeitslosigkeit, die unserer Denkweise entspricht", sagt Miegel. Die Politik wolle gar keine Vollbeschäftigung erreichen - und könne es über die bisher beschrittenen Wege auch nicht. Die Leute warteten darauf, dass ihnen jemand den genau passenden Arbeitsplatz auf einem silbernen Tablett serviere. Diese Erwartung sei der wirkliche Grund dafür, dass viele keine Arbeit finden. Um die Arbeitslosigkeit hinter sich zu lassen, müssen die Leute umdenken und ihre Jobs selbst erfinden, sagt die Studie. Vollbeschäftigung in der Industrie wie in den 60er Jahren - nach Miegel war das eine Ausnahme. Die Bevölkerung war damals vom Krieg dezimiert, geburtenschwache Jahrgänge rückten nach. Es gab einfach weniger Leute, auf die sich die Aufgaben verteilten.

"Wachstum schafft keine Arbeitsplätze."

Nach Miegel ist die Annahme der Politiker falsch, dass durch Wachstum Arbeitsplätze entstehen. In Deutschland wachse die Wirtschaft, indem sie produktiver werde.

"Verbesserte Rahmenbedingungen schaffen die Voraussetzungen für Wachstum und damit für Arbeitsplätze", das sind die Worte von Bundeskanzler Gerhard Schröder, hier in einer Rede vom Dezember. Die Annahme hinter dieser Sichtweise: Investitionen führen zu Arbeitsplätzen. Miegels Gegenthese lautet, dass die Firmen eher in Computer und Maschinen investieren. Der Effekt ist in beiden Fällen Wirtschaftswachstum. Nach Miegels Sicht arbeiten mehr Maschinen, nach Schröders Sicht arbeiten auch mehr Menschen. "Das Jobwunder in den USA kam durch Wachstum bei schwacher Produktivitätsentwicklung zustande", sagt Miegel. Die Deutschen hingegen wollten zwar mehr Wohlstand, dafür aber nicht arbeiten. Deshalb nutzten sie alle Möglichkeiten, die Effizienz zu steigern.

"Die Leute wollen abgeholt werden."

Die Arbeitslosigkeit könnte zuzeit auch nur sinken, wenn genau die Art von Arbeitsplätzen entsteht, die zu den vorhandenen Arbeitslosen passt, sagt Miegel. Und er behauptet: "Nicht wenige erwarten, genau da abgeholt zu werden, wo sie sich räumlich oder qualifikationsmäßig gerade befinden."

Daraus leitet er ein Rezept für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ab. Nach und nach müsse die Einstellung der Leute sich ändern. Wenn ihnen nur klar sei, dass keiner ihnen ihren Wunsch-Arbeitsplatz anbietet, dann fingen sie an, ihr eigener Unternehmer zu werden. Das heisst, sie würden sich die Fertigkeiten aneignen, die jemand braucht und dahin gehen, wo sie gebraucht werden.

Die Politiker behindern diesen Bewusstseinswandel, sagt Miegel weiter. Und zwar absichtlich. Sie zögen ihre Daseinsberechtigung daraus, etwas für das Volk tun zu können. Sie wollten Wohltaten verteilen können und hätten die Bevölkerung am liebsten unselbständig. Dazu sei eine hohe Arbeitslosenquote wünschenswert. Die offizielle Statistik übertreibe die Zahlen sogar. Miegel legt in der Studie dar, was die Politik seiner Meinung nach tun könnte, aber nicht tut. Beispielsweise könnte sie die Sozialabgaben abschaffen und die soziale Absicherung über den Verbrauch, also eine Mehrwertsteuer, bezahlen. Das könnte es erleichtern, Arbeit anzubieten. Oder die Politik könnte dazu beitragen, "die Bevölkerung in die Lage zu versetzen, vermehrt Vermögen zu bilden und somit am vom Kapital erzeugten Wohlstandsanstieg teilhaben zu lassen".

Vor allem für den Osten Deutschlands sei das Umdenken nötig. Die Leute sollten sich davon lösen, dass "ein Dritter - ein Unternehmer oder der Staat" für ihre Arbeitsplätze sorge. Die Hauptpunkte dazu aus der Studie: Alle, die können, sollen einen Arbeitsplatz schaffen. Zumindest den eigenen.

Dafür eignen sich besonders gut Dienstleistungen. "Personennahe Dienstleistungen" seien von sich aus unproduktiv - ein Friseur kann nicht effektiver Haare schneiden. Und damit sind diese Dienstleistungen eine sichere Quelle von Jobs. Das Problem ist nach Miegel, dass die Deutschen so wenig Dienstleistungen nachfragen - und im Herzen etwas dagegen haben, andere zu bedienen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben