Wirtschaft : Volle Konzentration auf die Infrastruktur

Siemens-Chef Löscher begleitet die Bundeskanzlerin in die Golfregion: Energiethemen ragen heraus

Axel Höpner (HB)

München - Noch macht der Siemens-Konzern weit mehr als die Hälfte seines Geschäfts in Europa. In Zeiten von Griechenland- und Schuldenkrise aber ruhen die Hoffnungen auf anderen Regionen. Am Sonntag brach Konzernchef Peter Löscher in einer Delegation mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in die Golfregion auf. Mehrere größere Auftragsabschlüsse sind geplant. Die Schwierigkeiten in Dubai hätten die dynamische Entwicklung der Region nicht gebremst, sagte Löscher dem „Handelsblatt“. „Kapital ist ausreichend vorhanden, Schulden sind die Ausnahme, und der Bedarf nach Infrastruktur ist enorm.“

In der unteren Golfregion erzielte Siemens zuletzt rund 1,2 Milliarden Euro Umsatz. Die Dynamik zeigt sich am Auftragseingang von 1,7 Milliarden Euro. Man sei in „sehr vielversprechenden Gesprächen über den weiteren Ausbau der Energieinfrastruktur“, sagte Löscher. Zuletzt hatte Siemens unter anderem einen Auftrag vom staatlichen Stromversorger in Katar für den Ausbau des Stromnetzes im Volumen von insgesamt 600 Millionen Euro erhalten.

Siemens kann die Aufträge gut gebrauchen, denn der Konzern bekam die weltweite Konjunkturkrise als Infrastrukturanbieter deutlich zu spüren. In diesem Jahr rechnet der Technologiekonzern mit einem Umsatzrückgang im mittleren einstelligen Prozentbereich. Es gebe zwar Anzeichen für eine gewisse Stabilisierung der Weltkonjunktur. „Aber zugleich zeigen die Entwicklungen in den vergangenen Wochen, dass wir noch weit von Normalität entfernt sind.“

Die viertägige Reise von Kanzlerin Merkel führt in die Vereinigten Arabischen Emirate, nach Saudi-Arabien, Bahrain und Katar. „Aufgrund der massiven Veränderung der Volkswirtschaften weg von der Öldominanz hin zu beispielsweise Logistik und zu mehr Tourismus entsteht in der Region geradezu ein Nachfragesog nach Infrastrukturlösungen“, beschrieb Löscher die Geschäftschancen. Energieeffiziente Lösung seien genauso gefragt wie Medizintechnik. Dabei sei eine steigende Nachfrage nach Projektfinanzierungen zu beobachten. Dies komme Siemens mit seinem starken Finanzierungsarm zugute.

Am Rande der Gespräche dürfte es auch um die Wüstensolarstrom-Initiative Desertec gehen, an der Siemens beteiligt ist. „Egal, wo ich hinkomme, fast immer werde ich auf Desertec und das Engagement bei Solarenergie angesprochen“, sagte Löscher. Solarthermische Kraftwerke ließen sich in der Region auch für andere Infrastrukturprojekte nutzen. Sonnenkraftwerke könnten zum Beispiel für die Aufbereitung von Wasser eingesetzt werden. Derzeit würden die energiefressenden Meerwasserentsalzungsanlagen in Ländern wie Abu Dhabi und Saudi-Arabien noch mit Öl und Gas betrieben, das dann verkauft werden könne. „Diese Opportunitätsgewinne sind gewaltig und darin liegt ein enormes Marktpotenzial nicht nur im Mittleren Osten, sondern auch in China, Indien und Nordafrika.“

Erstmals bestätigte Löscher, dass sich Siemens an dem französischen Transgreen-Projekt beteiligen will. Ziel der Initiative ist ein Stromnetz unter dem Mittelmeer, mit dem Solarstrom aus Nordafrika nach Europa transportiert werden soll. „Wir begrüßen diese Initiative und wollen uns bei der Kooperation engagieren“, sagte Löscher. Zu Spekulationen über eine intensivere Partnerschaft mit dem saudischen Aramco-Konzern äußerte sich Löscher nicht. Axel Höpner (HB)

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