Wirtschaft : Voller Ernst

Wie man Witz in den Berufsalltag bringt, wird in unzähligen Kursen gelehrt. Aber kann man Humor wirklich lernen?

Michaela Drenovakovic
Sich lächerlich machen. Das lernen Teilnehmer in einigen Humorseminaren. Wenn Führungskräfte über sich selbst lachen können, motiviert das die Mitarbeiter.Foto: Thilo Rückeis
Sich lächerlich machen. Das lernen Teilnehmer in einigen Humorseminaren. Wenn Führungskräfte über sich selbst lachen können,...

Humor steht an erster Stelle. Ob bei der Partnersuche oder der Beschreibung der eigenen Persönlichkeit – „humorvoll“ ist eine Eigenschaft, die gefragt ist. Immer häufiger ist Humor auch Thema in beruflichen Weiterbildungsseminaren. „Führen mit Humor“ heißt es da, Themen sind die persönliche „Humoranamnese“ und „Humorintervention“, gekoppelt an Lachmeditation und „Humor im Change-Management“. Humor scheint der Schlüssel zu allem zu sein – sogar als Vorbeugung gegen Burn Out, soll er dienen. Auch dafür gibt es Seminare.

Humor als berufliche Kernkompetenz scheint also nur eine Frage der richtigen Weiterbildung zu sein. Aber kann man Humor wirklich lernen – wie Wirtschaftsenglisch, Steuerrecht und „Change Management? Darüber kann man sich streiten. Fragen wir mal Piet Klocke. Der müsste eigentlich wissen, wie Humor funktioniert. Schließlich ist er Vollzeit-Kabarettist oder neudeutsch „Comedian“ und tritt derzeit vor ausverkauften Häusern bei seiner Deutschland-Tour auf. Seine Paraderolle: der zerstreute Professor, der sich pseudowissenschaftlich zur Lage der Welt äußert – und die Menschen zum Lachen bringt. „Witze erzählt bekommen, sich merken und dann selbst vortragen, das mag lernbar sein", sagt Klocke. Aber: „Humorvoll sein, Humor als Teil seines Selbst und die Fähigkeit zu besitzen, diesen seinen Mitmenschen nachvollziehbar zu vermitteln, ist schon deshalb niemals erlernbar, weil der Ausgangspunkt jeder Humor-Veranlagung ein Leid darstellt, ein Verzweifeln an der Dadaeske des Lebens."

Zur Dadaeske des Lebens will sich Udo Berenbrinker nicht äußern. Der Leiter einer Clownsschule, des Tamala-Centers in Konstanz, widerspricht Klocke aber vehement: „Das Lachen ist uns angeboren, den Humor müssen wir jedoch lernen.“ Und das sei eine durchaus ernste Angelegenheit, meint er: „Bei der Clownsausbildung wird Persönlichkeitsschulung betrieben. Es geht um das Standing vor anderen, Körpersprache, Selbst- und Fremdbild, aber auch sprachwissenschaftliche Aspekte des Humors. Alles Themen, die im Bereich Job und Karriere ebenfalls gefragt sind.“ So gefragt, dass das Tamala-Center neben der eigentlichen Clownsschule mittlerweile verstärkt auf das angegliederte Trainingsinstitut „Humor & Kommunikation Humorkom“ setzt.

„Jungmanager und Führungskräfte zwischen 30 und 40 Jahren sind die Hauptklientel unserer Workshops“, sagt Udo Berenbrinker. Seit 30 Jahren leitet er mit seiner Lebensgefährtin Jenny Karpawitz die Clownsschule und profitiert aus den gesammelten Erfahrungen. „Führungskräfte müssen den inneren Clown in sich entdecken“, sagt er. Und zwar durch Pantomime, Rollenspiele und Satzanalysen: Wann ist ein Satz witzig? Darüber diskutieren die Teilnehmer.

Vorreiter sei bei diesem Trend die USA, sagt Udo Berenbrinker und schwärmt: „In Amerika gibt es Clownsschule für Führungskräfte. Dort gehören Querdenker zu gefragten Mitarbeitern und den erfolgreichen Führungskräften von morgen.“ In Deutschland komme der Trend erst in den letzten zwei Jahren immer stärker auf.

Berenbrinker ist sich sicher: „Humor sorgt für ein angenehmes Arbeitsklima, hilft bei Burn-out und Stress.“ In Deutschland gebe es immer noch viele zu viele Berührungsängste oder Zurückhaltung. Der 60-Jährige weiß aber, wie man steife Manager lockert: „Ich arbeite schon so lange in diesem Bereich, da hat man einfach seine Instrumente, mit denen man eine entspannte Atmosphäre schafft". Schlips aus, Anzug runter, rein in bequeme Jogging-Kleidung – das ist schon mal der Start für eins seiner Humorseminare. „Der Clown ist eine der ältesten Kulturfiguren und immer dafür da gewesen, andere Perspektiven einzunehmen, um Altes zu hinterfragen und Neues zu ermöglichen. Das ist besonders hilfreich in der Krise." Also sind wir doch wieder bei Piet Klockes Dadaeske des Lebens.

Auch Jumi Vogler kennt die verbreiteten Vorbehalte gegen Humorseminare. „Humor ist eben ein weiches Thema“, sagt sie. Die 54-Jährige arbeitet seit vier Jahren als Trainerin rund um das Thema Humor. „Excellence in leadership – Spitzenführung schafft Spitzenleistung: Humor als Erfolgsstrategie!“ so der kämpferische Name ihrer Vortragsreihe, mit der sie vor großen Unternehmen bundesweit die Werbetrommel für mehr Humor in der Führungsetage rührt. Kein leichtes Unterfangen: „Ich als Frau in der Wirtschaft und dann noch mit dem Thema Humor – da muss man über sich selbst lachen können“, sagt sie. Das größte Problem: „Die deutschen Unternehmensstrukturen sind immer noch stark hierarchisch und patriarchisch geprägt. Da hört man Sätze wie: ‚Wer lacht, hat noch Reserven.’ Ich versuche zu offenbaren, dass Mitarbeiterführung durch Härte ein Instrument von gestern ist. Jeder dritte Mitarbeiter in deutschen Betrieben ist demotiviert!“ Demotivationspunkt Nummer 1: fehlende Wertschätzung und Respekt. Und Unzufriedene Mitarbeiter sorgen für schlechten Umsatz – und den bekomme man nicht durch bessere Kontrolle in den Griff, sondern durch menschlichen und empathischen Umgang miteinander.

Jumi Voglers humorvolle Lösung für dieses Problem hat deshalb bestimmt nichts mit Chefs zu tun, die mit zotigen Kalauern bewaffnet durch die Flure ziehen. Humor müsse integrieren, nicht abgrenzen, sagt sie. Ihre Devise ist: Nicht über jemanden lachen, sondern mit den Mitarbeitern und am besten gleich über sich selbst. „Ich muss auf Augenhöhe mit den Angestellten sprechen, eigene Fehler thematisieren und verstehen, dass Menschlichkeit zeigen keine Schwäche ist.“ Wer gestresst ist, der muss einen Schritt zurücktreten, Distanz schaffen – und einfach über die eigene Situation lachen können. „Humor ist für mich eine Lebensphilosophie. Wir müssen erkennen, dass wir alle Würstchen sind. Dann wird alles einfacher."

Die Dadaeske des Lebens in der eigenen Würstchenhaftigkeit begreifen - aber bringt mich das im Job weiter? „Eine Führungskraft muss lernen, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, einen humorvollen Umgang im Betrieb zu pflegen. Im Gegenteil, ich erhalte einen ganz anderen Bezug zu meinen Angestellten.“ Um die Sache mit den Würstchen zu lernen, lässt sie die jeweils zehn bis fünfzehn Teilnehmer ihrer Seminare improvisierte Rollenspiele machen: Zum Beispiel ein Bewerbungsgespräch als Hochseilartist oder Löwenbändiger im Zirkus – und das auch noch pantomimisch dargestellt. In diesem Moment führt gar kein Weg daran vorbei, als sich vor der Gruppe sich lächerlich und zum Würstchen zu machen. Die Teilnehmer legen die Angst davor ab, Und merken, dass es auch eine Stärke sein kann. „Die Teilnehmer erkennen ihr Humorpotenzial und befreien sich von Statusdenken. Wenn das geschafft ist, dann arbeite ich konkrete Beispiele für die einzelnen Betriebe aus“, sagt Jumi Vogler. Sie ist sich sicher: Jeder Mensch hat Humor - man muss ihn nur aktivieren. Ihr selbst habe Humor das Leben gerettet: Als sie jahrelang an einer schmerzhaften Krankheit litt, habe sie erst durch den Humor geschafft, Distanz zur eigenen Situation aufzubauen – und sich als Humortrainerin zu etablieren.

Ob gelernt oder angeboren, Fakt ist, dass Humor in Personalgesprächen für Pluspunkte sorgt. „Humor hilft im direkten Gespräch“, sagt Daniel Hermstein, von der Personalberatung Adohra, die Fachkräfte im Personal- und Rechtsbereich vermittelt. Steht Humor auf der Einstellungscheckliste? „Die zwischenmenschliche Ebene muss stimmen, allerdings lässt sich gerade dieser Parameter nicht in Fakten pressen. Man muss sich immer die Person hinter den Unterlagen anschauen“ , erklärt Hermstein. Das Problem: Softskills lassen sich nicht messen, die gilt es zu entdecken. Und Humor ist eben eine dieser sagenumwobenen Softskills. Aber: „Wenn ein Kandidat eine ungewöhnliche Qualifikation im Lebenslauf hat wie die Teilnahme an einem Humorseminar, dann sorgt das für Neugier“, sagt Hermstein. „Und wer die Aufmerksamkeit auf sich zieht, der hat gute Karten auf dem Jobmarkt.“

Nicht alle Weiterbildungen rund um Humor richten sich auf Führungskräfte. Insbesondere im Fachbereich Pflege und Soziales blüht ein ganz eigener Zweig der Humor-Weiterbildungen. Meist dreht es sich um den Einsatz von humoristischen Mitteln im Pflegealltag. Ob als Clown in der Klinik oder im Seniorenheim, Humor boomt im Pflegesektor.

Und wer ganz in die Welt des Humors abtauchen möchte, der kann sich am Tamala-Center zum „Humor-Master" ausbilden lassen und coacht anschließend Mitarbeiter, Führungskräfte sowie Pflegepersonal. Die Kosten variieren dabei stark: Ab 170 Euro muss man für Udo Berenbrinkers Workshops von HumorKom ausgeben, es gibt aber auch mehrtägige Angebote, die bis zu 2000 Euro kosten.

Ob Philosophie oder erlernbares Erfolgsinstrument – Piet Klocke hat das letzte Wort in Sachen Humor: „Treffen sich zwei Humor-Studenten in der Mensa. A: „Kommst Du mit zum Volleyball?“, B: „Geht nicht, hab noch drei Stunden Loriot und danach die Klausur ‚Aphorismus-Mäeutik bei Piet Klocke.“ So eine Weiterbildung bei Klocke gibt’s aber wirklich nur in einem seiner Witze. In der Realität reicht ihm die Bühne.

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