Wirtschaft : Volles Rohr

Nur wenn Europa alle Kräfte mobilisiert, ist die Einheitswährung noch zu retten. Drei Szenarien für die Zukunft des Euro.

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Rettung per Bazooka. Nur größtmögliche Feuerkraft dürfte die Finanzmärkte noch beeindrucken. Foto: Cinetext
Rettung per Bazooka. Nur größtmögliche Feuerkraft dürfte die Finanzmärkte noch beeindrucken. Foto: CinetextFoto: CINETEXT

Berlin - Der 9. Dezember ist in der Weltgeschichte kein unbedeutendes Datum. 1872 wird an diesem Tag erstmals ein Afroamerikaner Gouverneur in einem US-Bundesstaat. 1982 läuft der Film „E.T.“ in den deutschen Kinos an. 1987 beginnt die Intifada in den Palästinenser-Gebieten. 1990 gewinnt Lech Walesa die Präsidentenwahl in Polen.

Der 9. Dezember 2011 könnte als der Tag in die Geschichte eingehen, an dem das Schicksal des Euro besiegelt wurde. Noch ist für das Treffen der 27 EU-Staats- und Regierungschefs in Brüssel alles möglich – ein spektakuläres Scheitern ebenso wie ein strahlender Neuanfang. Fieberhaft arbeiten die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Amtskollegen in diesen Tagen an einer Lösung der Schuldenkrise. Der Erfolg ist ungewiss. Drei Entwicklungen sind denkbar für die Zukunft des Geldes und die Einigung Europas.

SZENARIO EINS: KLEINE MÜNZE

Angela Merkel ahnte es bereits. „Es gibt keine einfachen und schnellen Lösungen“, rief sie vergangenen Freitag im Bundestag. Es gelingt der Kanzlerin trotz Verhandlungen bis tief in die Nacht nicht, Europa in Brüssel auf eine strenge Anti-Schulden-Politik einzuschwören. Nur zu einem wolkigen Bekenntnis zu sparsamerem Haushalten und mehr wirtschaftspolitischer Koordinierung kann sich der Gipfel durchringen, mehr verhindern die angeschlagenen Staaten. Die Finanzminister werden beauftragt, die strittigen Fragen zu klären.

„Ein Déjà-vu“, stöhnt hinterher der mächtige Spekulant George Soros. „Die Europäer starten ihre Gipfel stets als Tiger und landen als Bettvorleger.“ Zwar beginnt der Rettungsfonds EFSF nach dem Treffen endlich, Anleihen Italiens und Spaniens aufzukaufen, und die Schuldenländer kündigen weitere Reformen an. Doch die Investoren sind nicht überzeugt: Die Risikoaufschläge für die Staatsanleihen Italiens, Spaniens und auch Frankreichs steigen nach einer kurzen Verschnaufpause wieder, die Europäische Zentralbank (EZB) ist aber nicht bereit, unbegrenzt Schuldverschreibungen zu kaufen, um die Regierungen zu stützen. Im Februar wird ein neuer EU-Gipfel angesetzt – dieses Mal unter Beteiligung Chinas und Russlands, die sich bereit erklären, Europa mit viel Geld unter die Arme zu greifen. Als Hu Jintao und Wladimir Putin in Belgiens Hauptstadt eintreffen, können sie vor Kraft kaum laufen.

SZENARIO ZWEI: DER EKLAT

Schon beim Essen am Vorabend des Gipfels zeichnet sich ab: Europa tut sich schwer mit einer einheitlichen Linie. Im Sitzungssaal wird es dann zur Gewissheit. Die Südeuropäer wollen sich für ihre Schuldenpolitik nicht vor Gericht zerren oder automatisch bestrafen lassen. Viele Regierungschefs lassen erkennen, dass sie ihren Wählern daheim keine weiteren Sparrunden zumuten wollen.

Im Gegenzug bleibt Merkel in Sachen Euro-Bonds stur. Mario Monti und Lucas Papademos, die Regierungschefs Italiens und Griechenlands, verlassen den Gipfel vorzeitig. Am Montag gehen die Börsen rund um den Globus auf Talfahrt. Die Renditen für spanische und italienische Bonds streben Richtung zehn Prozent, der Euro-Kurs stürzt ab. US-Finanzminister Tim Geithner legt den heimischen Banken nahe, Aktien und Anleihen aus Europa abzustoßen. Wenig später geraten Commerzbank und Société Générale in Schieflage und müssen vom Staat gerettet werden. Die FDP sperrt sich im Parlament gegen neue Hilfspakete, die Bundesregierung ist am Ende.

Weil immer mehr Griechen und Portugiesen ihr Erspartes außer Landes bringen, erklären die Regierungen am darauffolgenden Sonntag kurzerhand die Wiedereinführung von Escudo und Drachme. Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble versichern im Fernsehen abermals, das Geld der Sparer sei sicher. Die deutsche Wirtschaft holt ihre Notfallpläne für ein Euro-Ende aus der Schublade und streicht Zehntausende Jobs. Auf einem EU-Sondergipfel wird das Ende der Währungsunion offiziell besiegelt.

Vor den deutschen Landeszentralbanken bilden sich lange Schlangen, die Leute wollen sich ihre Euro-Scheine mit fälschungssicherer magnetischer Tinte und dem Signet „DM“ stempeln lassen. Ein Jahr später werden die neuen D-Mark-Scheine ausgegeben, illustriert mit Brandenburger Tor und Hamburger Michel. „Scheitert der Euro, scheitert Europa“, hat Angela Merkel schon 2010 gewarnt. Sie behält recht.

SZENARIO 3: ANGELA BISMARCK

„Europa  hat heute bewiesen, dass es vollständig handlungsfähig ist“, strahlt Merkel nach einer langen Brüsseler Verhandlungsnacht. Sie sagt es nicht, aber alle wissen: Deutschland hat sich auf ganzer Linie durchgesetzt. Alle Euro-Staaten verpflichten sich, eine Schuldenbremse in ihre Verfassung aufzunehmen und ihre Verbindlichkeiten binnen 20 Jahren deutlich zu reduzieren. Wer zu viele Schulden aufnimmt, bekommt es künftig mit einem Sparkommissar aus Brüssel zu tun. Dazu schließen die Euro-Länder gesonderte Verträge. Nicolas Sarkozy lässt sich als Retter des Euro feiern, weil er Merkel den teilweisen Schuldenverzicht der Privatbanken abgeschwatzt hat. „Ein einfaches Tauschgeschäft“, soll er gegrinst haben. Die Juristen brauchen allerdings noch ein paar Wochen, um die Details zu verhandeln. Bis dahin weiten EZB, EFSF und IWF ihre Anleihekäufe aus, um die Schuldzinsen zu drücken. Zusätzlich willigt Merkel in Euro-Bonds ein, die allerdings auf zehn Jahre begrenzt sind. Kurssprünge an den Märkten sind die Folge, allmählich fassen auch die Unternehmer wieder Zuversicht. 2014 ist die Verschuldung auf dem Kontinent bereits spürbar gesunken. Und 2016 beantragt Großbritannien die Aufnahme in die Euro-Zone.

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