Wirtschaft : Vollkasko gegen die Katastrophe

Bauern können sich gegen Naturereignisse bisher kaum versichern. Jetzt soll ihnen der Staat helfen

Heike Jahberg

Berlin - Die deutschen Bauern verlieren jedes Jahr knapp 370 Millionen Euro, weil ihnen Naturkatastrophen die Ernte verderben. Versichern können sie sich gegen die meisten Schäden nicht, sagte Stefan Richter, Geschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), am Montag in Berlin zur Eröffnung des Weltkongresses der Hagel- und Landwirtschaftsversicherer. Das wollen die Versicherungsunternehmen jetzt ändern, rufen dazu aber nach Hilfe vom Staat.

Das Problem: Bislang bieten die deutschen Versicherer Landwirten Versicherungspolicen nur gegen Hagel an – Trockenheit, Hochwasser, Überschwemmungen und Frostschäden bleiben außen vor. Der Grund: Diese Risiken treten häufig großräumig auf und verursachen deutlich höhere Schäden als Hagelschlag, der nur regional vom Himmel herabprasselt. Das zeigen auch die Schadensbilanzen: Rund 106 Millionen Euro zahlen die Versicherer im Jahr für Hagelschäden, deutlich weniger als die 295 Millionen Euro, die Bauern wegen der Trockenheit jedes Jahr an Ernteausfällen hinnehmen müssen.

Weil sie das Risiko nicht allein tragen kann, versucht die Versicherungswirtschaft, den Staat ins Boot zu holen. Die Versicherer wollen den Landwirten eine Mehrgefahrenversicherung anbieten, die sämtliche Naturkatastrophen abdeckt, wenn der Staat die Hälfte der Kosten übernimmt. „Nur dann bleibt die Prämie für den einzelnen Landwirt bezahlbar“, sagte Rainer Langner, Vorsitzender der Kommission Landwirtschaft im GDV.

Auf die öffentliche Hand kämen nach Schätzungen Langners Kosten von 250 Millionen Euro im Jahr zu, wenn alle Landwirte eine solche Mehrgefahrenpolice abschließen würden. Mit einer solchen staatlichen Subvention könnte man nach Schätzung der Versicherer die jährlichen Versicherungsbeiträge auf vier Prozent des Umsatzes der Bauern begrenzen, mit regionalen Abweichungen. „In Brandenburg mit seinen trockenen Böden könnten es auch acht Prozent sein“, räumt Langner ein.

Die Verhandlungen laufen. Sie sind jedoch schwierig, weil die Gespräche nicht zentral geführt werden, sondern mit jedem Bundesland einzeln. „Die Situation in Bayern ist eine völlig andere als in Brandenburg“, weiß Langner.

Doch der Druck wächst. Nicht nur die Klimaveränderungen sorgen dafür, dass das Bedürfnis der Bauern nach Versicherungsschutz zunimmt. Auch neue Energien verschärfen die Situation: „Immer mehr Landwirte investieren 1,5 bis zwei Millionen Euro in Biogasanlagen und sind darauf angewiesen, dass sie die nötigen Rohstoffe geliefert bekommen“, betont Langner. Mit den Rohstoffen sind meist Mais, Getreide und Gras gemeint.

Und auch die Europäische Union zieht die Zügel an. Ab dem Jahr 2010 erhalten Landwirte nur noch in Ausnahmefällen staatliche Hilfen, wenn sie nachweisen können, dass sie in keinem der EU-Mitgliedsländer eine erschwingliche Versicherung bekommen können. Bislang zahlen Bund und Länder im Jahr rund 22 Millionen Euro, um den Bauern Ernteverluste durch Naturkatastrophen zu ersetzen.

Auch der Deutsche Bauernverband hofft auf eine Einigung. „Die Landwirtschaft braucht ein Schema, um sich abzusichern“, betont Sprecherin Agnes Scharl. Aber nicht um jeden Preis: „Die Landwirte können die Kosten einer solchen Versicherung nicht allein tragen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben