Wirtschaft : Vom Bauernhof direkt an die Börse

Deutsche Warenterminbörse startet in Hannover / Ausland handelt bereits seit Jahren mit Futures HANNOVER (dpa).Die Welt der Börsen ist den meisten Landwirten in Deutschland wohl eher fremd.Mit dem Start einer deutschen Warenterminbörse am Freitag in Hannover hält zwar die Börsensprache längst nicht Einzug in deutsche Bauernstuben.Doch werden immer mehr Schweinemäster oder Kartoffelproduzenten sich mit "Futures", "Hedgern" und "Margins" vertraut machen."Der Bedarf, den Preis für die eigene Produktion über Warenterminkontrakte abzusichern, ist enorm gestiegen", sagt Andrea Balzer von der Warenterminbörse Hannover AG (WTB). In anderen Ländern Europas wird der Warenterminhandel seit Jahrzehnten praktiziert, in den USA schon seit 1848.Auch in Deutschland keimte im vorigen Jahrhundert der Warenterminhandel für Getreide.Doch Probleme mit der finanziellen Absicherung der Börsengeschäfte führten 1896 zum Verbot, das ein Jahrhundert lang Bestand haben sollte.Erst das zweite Finanzmarktförderungsgesetz von 1994 machte den Weg für die erste deutsche Warenterminbörse frei. Die WTB Hannover will die modernste in Europa werden und wickelt sämtliche Geschäfte vollelektronisch per Computer ab.Makler und Vermittler müssen nicht mehr am Ort der Börse erscheinen."Für uns als Makler wird das jetzt einfacher", sagt Hermann Kaack aus Nienburg, seit acht Jahren Vermittler von Terminkontrakten und einer der Initiatoren der WTB in Hannover.Nur das Flair der Präsenzbörse mit schreienden Maklern gehe verloren. Kaack ist zuversichtlich, daß die WTB regen Zuspruch findet.Gleichwohl bedarf es etlicher Schulungen."Der Warenterminhandel erfordert sehr viel Sachkenntnis", urteilt die Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe.Denn für Laien erschließt sich das Prinzip des Warenterminhandels erst auf den zweiten Blick."Hier werden sicher niemals Schweine durch die Büros getrieben", scherzt Andrea Balzer.So werden beim Warenterminhandel keine unmittelbaren Geschäfte mit Waren vereinbart, sondern nur Vereinbarungen für Käufe oder Verkäufe zu einem späteren Zeitpunkt, aber zum bereits festgelegten Preis. Ein Beispiel: Will ein Fleischer günstige Fleischpreise im Februar ausnutzen und braucht aber erst im Mai eine Lieferung, kauft er beispielsweise einen Kontrakt - in der Börsensprache "Future" genannt - für Mai.Steigt der Schweinepreis bis Mai, muß er dann zunächst mehr an den Mäster bezahlen.Gleichzeitig verkauft er an der Warenterminbörse seinen Kontrakt wie ein Stück Wertpapier zu dem dort in der Regel ebenfalls höheren Preis, gleicht somit den an den Mäster gezahlten Mehrpreis aus und landet am Ende beim Februar-Preis. Umgekehrt kann sich ein Kartoffelerzeuger durch rechtzeitigen Kauf von Terminkontrakten über eine bestimmte Verkaufsmenge einen guten Preis sichern.Das für die Kontrakte gezahlte Geld wird über eine unabhängige Clearing Bank verwaltet.In den USA praktiziert ein Viertel aller Farmer das "Hedgen" (Absichern) an der Warenterminbörse.Die WTB in Hannover startet mit Terminkontrakten für Schweine und Kartoffeln.Später sollen Getreide, aber auch nichtagrarische Waren wie Altpapier hinzukommen.Nach einigen Wochen Probelauf sollen möglichst noch im März die ersten Terminkontrakte geschlossen werden. Wie der Aktienhandel oder andere Wertpapiergeschäfte bietet der Warenterminhandel für Finanzanleger und somit auch für Spekulationen ein weites Feld.Denn der Kauf oder Verkauf von Terminkontrakten erfordert nicht zwingend, daß die Waren auch geliefert werden.Wer einen Verkaufskontrakt über Schweine anbietet, muß ihn nur - zur Not mit Verlusten - bis zum Ende des Liefermonats wieder zurückkaufen.

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