Wirtschaft : Vom Börsenliebling zum Problemkind der Broker (Kommentar)

Heike Jahberg

An ihrem einstigen Lieblingskind haben die Börsianer derzeit wenig Freude. Jahrelang schien der Aufstieg von SAP unaufhaltsam. Die Aktie der Softwareschmiede kletterte von einem Höchststand zum nächsten. Das ist nun Vergangenheit. Gewinnwarnungen und -rückgänge drücken auf den Kurs, die einst erfolgsverwöhnten Aktionäre brauchen heute starke Nerven.

Dabei ist ein Großteil der Probleme hausgemacht. Zu lange haben sich die Manager um Firmengründer Hasso Plattner auf ihren Lorbeeren ausgeruht. Der Sprung ins Internet-Zeitalter, den die US-Konkurrenz schon vor langer Zeit vollzogen hat, wurde im deutschen Walldorf verschlafen. Viel zu spät konterte SAP mit der neuen Internet-Plattform "mysap.com". Hinzu kommen Vertriebsprobleme: In Japan und Großbritannien wurden bereits Manager ausgetauscht, doch die größeren Probleme liegen in den USA und sind nach wie vor ungelöst. Reihenweise werden dort SAP-Spezialisten von der Konkurrenz abgeworben. Bis heute haben Plattner und seine Kollegen kein Gegenmittel gegen diesen Aderlass gefunden. Dabei ist klar: Auch sie müssen nachlegen, sollen nicht noch mehr Spitzenleute gehen.

Eine kurzfristige Besserung ist nicht in Sicht. Denn zu den selbstverschuldeten Versäumnissen gesellt sich das Problem, mit dem die gesamte Branche zu kämpfen hat: der Übergang ins Jahr 2000 und die Angst vor dem Computercrash. Besonders die Großunternehmen, die den Löwenanteil der SAP-Kunden ausmachen, halten sich zurück: In neue Software investieren sie frühestens im kommenden Jahr. Erst dann werden wohl auch die Aktionäre wieder aufatmen können und die SAP-Aktie an alte Glanzzeiten anknüpfen - als Hätschelkind der Börse.

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