Wirtschaft : Vom Erlebniscamp zur Ausbildung

Viele Unternehmen geben schwierigen Jugendlichen eine Chance

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Berlin – Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD) macht den Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit zur Chefsache. 3,4 Millionen Euro an Preisgeldern verteilt das Ministerium an Unternehmen, Initiativen oder Behörden, die sich besonders für Jugendliche einsetzen. Davon scheint es in Deutschland eine Menge zu geben: Für den Förderpreis „Jugend in Arbeit“ gingen 1572 Bewerbungen ein. Am 2. Mai wird Müntefering die fünf Bundessieger auszeichnen.

Eines der Unternehmen, das sich Hoffnungen auf den Preis machen kann, ist die Deutsche Bahn. Das Bundesunternehmen bietet seit 2004 bedingt ausbildungsfähigen Haupt- und Realschülern ein einjähriges Praktikum an. Den 460 Jugendlichen wird Fachwissen vermittelt, aber auch Mathe, Deutsch und Englisch. Sozialpädagogen begleiten das Programm, das die Bahn an 150 Standorten mit lokalen Kooperationspartnern anbietet, in Berlin mit der Firma Gegenbauer. Mehr als 70 Prozent der Praktikanten finden am Ende einen Ausbildungsplatz, sagt die Bahn.

Aber auch andere Großunternehmen zeigen Engagement, Beispiel Bayer . Der Pharma- und Chemiekonzern, der jetzt Schering übernehmen will, betreibt seit 1988 ein „Starthilfe“-Programm für 175 Jugendliche pro Jahr, die aufgrund ungünstiger sozialer Umstände nicht die für eine Ausbildung notwendigen Qualifikationen mitbringen. Etwa ein Drittel davon haben eine ausländische Staatsangehörigkeit. Erfolgreichen Absolventen bietet Bayer danach eine Ausbildung an.

Auch BASF hat früh angefangen, benachteiligte Jugendliche zu fördern. Seit 1993 gibt es „Start in den Beruf“, für schwächere Hauptschüler ohne Ausbildungsplatz. In dem einjährigen Programm sollen den 130 Schulabgängern auch Tugenden wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit beigebracht werden. Seit März bietet der Chemiekonzern zusammen mit der rheinland-pfälzischen Regierung zudem ein neues, einjähriges Programm für 100 arbeitslose Hauptschüler bis 25 Jahren an, die von Arbeitsagenturen vermittelt werden. BASF macht das nicht ganz uneigennützig: Seit 1970 führt der Konzern Eignungstests für Azubi-Kandidaten durch. „Die Ergebnisse werden seit Jahren immer schlechter“, heißt es.

Eine Zunahme „katastrophaler“ Bewerbungen war auch die Ursache für das Engagement des Berliner Stadtmöbelherstellers Wall. Seit August 2005 betreut das Unternehmen ein Projekt an der Jens-Nydahl-Grundschule in Kreuzberg. Darin werden 30 Kinder mit Sprachdefiziten aus den dritten bis fünften Klassen wöchentlich vier Stunden lang gefördert. Dabei geht es nicht nur um reinen Deutschunterricht, sondern auch um die Vermittlung mathematischer Fähigkeiten. Auf die Grundschule gehen zu 94 Prozent Kinder nicht-deutscher Herkunft, 80 Prozent kommen aus Familien, die von Hartz IV leben.

Auch das Dienstleistungsunternehmen Gegenbauer engagiert sich an Berliner Schulen. In diesem Jahr werden erstmalig 80 Berliner Hauptschüler ausgewählt, um an dem Feriencamp „Futour06“ außerhalb der Stadt teilzunehmen. Innerhalb von drei Wochen sollen die Schüler der siebten Klasse die ersten berufsvorbereitenden Erfahrungen sammeln und soziale Kompetenzen erwerben.

Der Energiekonzern Vattenfall gründete vor einem Jahr zusammen mit dem Kinder- und Jugendzirkus Cabuwazi die Initiative „Manege – Ein Projekt zur beruflichen Orientierung von Jugendlichen“. Darin werden jährlich 28 Jugendliche mit Hauptschulabschluss auf die Berufsausbildung vorbereitet. Das Programm vermittelt praktische und soziale Kompetenzen und dauert fünf Monate.

Ein ganzes Jahr dauert das betriebsintegrierte 11. Schuljahr, das nun schon zum zweiten Mal von der Berliner Stadtreinigung und Kooperationspartnern angeboten wird. Elf bis 15 Schüler werden ausgewählt, um den Berufsalltag der BSR kennen zu lernen. Dafür erhalten sie 192 Euro monatlich und am Ende fast immer einen Ausbildungsplatz.

Einer der Vorreiter schulischer Projekte war der Otto-Versand in Hamburg. Schon 1999 hat das Unternehmen zusammen mit anderen Firmen das Hamburger Hauptschulmodell entwickelt. Heute bilden alle Hauptschulen der Stadt mit mittlerweile 71 Betrieben ein Netzwerk. Dieses hilft bei der Vermittlung von Praktika während der Schulzeit und bei der späteren Arbeitssuche. Mit Erfolg: Seit 2001 hat sich die Zahl der Hauptschulabgänger, die einen regulären Ausbildungsplatz gefunden haben, auf knapp 20 Prozent fast verdoppelt. hej/pet/ysh

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