Wirtschaft : Vom Führen, Feiern und Vertrauen

Ein guter Arbeitsplatz ist keine Frage von Geld oder Größe – das zeigen die drei Gewinner in der Kategorie „Kleinunternehmen“.

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Die Umstellung war anstrengend, aber sie hat sich gelohnt: „Im Jahr 2006 haben wir beschlossen, das Unternehmen auf andere Füße zu stellen, damit wir weiter wachsen und auch in Zukunft erfolgreich arbeiten können“, erinnert sich Helmut Kohlhaas. Seine Kanzlei bietet neben Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung auch verschiedene Beratungen an, etwa zu betriebswirtschaftlichen Fragen oder zur Unternehmensnachfolge. Am vergangenen Dienstag wurde sie im Rahmen des Wettbewerbs Great Place to Work als „Bester Arbeitgeber Berlin-Brandenburg“ in der Größenklasse zehn bis 49 Mitarbeiter ausgezeichnet.

So gut sah es zu Beginn der Umstrukturierung mit der Zufriedenheit der Mitarbeiter nicht aus: „Bei unserem ersten Führungskräfte-Feedback kam heraus, dass wir große Kommunikationsprobleme hatten, weil Themen nicht deutlich erläutert wurden.“ Dabei war die Beschäftigtenzahl damals wie heute überschaubar – im Moment sind es zwölf. Helmut Kohlhaas änderte den Kurs, er setzte auf stärkeren Austausch, Zusammenarbeit und Coaching: Weil man eben auch in einem kleinen Unternehmen nicht davon ausgehen kann, dass das gesamte Team automatisch gut informiert ist.

„Es ist wichtig, dass alle Mitarbeiter eine strategische Orientierung haben und wissen, wohin es gehen soll“, sagt Kohlhaas heute. Die weiteren Führungskräfte-Feedbacks gaben ihm seinerzeit Recht: Die Werte zur sozialen Kompetenz seien sensationell gestiegen. Die Mitarbeiter bewerten ihren Chef einmal im Jahr anonym, die Beurteilungen werden von einem Unternehmensberater ausgewertet.

Um den Austausch untereinander anzuregen, gibt es in der Kanzlei Kohlhaas auch eine kleine Cafeteria. Hier werden Geburtstage oder Jubiläen gefeiert, vor allem wird dort aber zu Mittag gegessen. Kohlhaas finanziert dabei einen Teil jeder Mahlzeit. Damit sich auch neue Mitarbeiter schnell wohl im Unternehmen fühlen, können sie sich von einem Paten bei der Einarbeitung unterstützen lassen. Außerdem hat die Kanzleileitung alle Richtlinien zum Verhalten gegenüber Mandanten und Kollegen in einem elektronischen Praxishandbuch zusammengefasst – um die schnelle Einarbeitung zu unterstützen, Unsicherheiten zu vermeiden und gewiss auch das eine oder andere Fettnäpfchen zu umgehen.

Was macht eine gute Arbeitsplatzkultur aus? Diese Frage beschäftigt auch das zweitplatzierte Kleinunternehmen, die Wir Design GmbH. Zu den Schwerpunkten der Agentur gehören die Pflege von Unternehmensmarken und die Konzeption von Geschäfts- und Jahresberichten. Florian Breßler ist Geschäftsführender Gesellschafter und auch für den Personalbereich zuständig. Er legt Wert auf flache Hierarchien – und hat in der letzten Zeit festgestellt, dass Bewerber zunehmend nach flexiblen Arbeitszeiten, Entwicklungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten fragen. „Und das sind keineswegs nur Menschen aus der sogenannten Generation Y.“

Weiterbildungsangebote macht das Unternehmen alle zwei Wochen im Rahmen der „Wir Design Akademie“: Mitarbeiter oder Angehörige der Geschäftsführung halten an jedem zweiten Donnerstag in Berlin beziehungsweise Braunschweig kurze Vorträge zu ganz verschiedenen Themen – zum Beispiel neuen Technologien –, die dann per Videokonferenz an den jeweils anderen Standort übertragen werden. Um sich als „Markenpfleger“ auch über den Kern des eigenen Unternehmens im Klaren zu sein, hat die Agentur 2011 einen sogenannten Schatzsuchertag veranstaltet, bei dem die Beschäftigen über ihre Firma und künftige Ziele nachgedacht haben. „Wir wollten aber auch etwas für die Teamstruktur tun“, erklärt Florian Breßler eine weitere Zutat der Arbeitnehmerzufriedenheit, um die ihn sicher viele andere Unternehmen beneiden: Jeder Teamleiter erhält ein eigenes kleines Budget, um in seiner Abteilung Erfolge feiern zu können – oder mit den Kollegen nach der Arbeit noch auf ein Getränk und Gespräch in die Kneipe zu gehen.

Dass zur Arbeit auch der Feierabend gehört, erfährt man bei der Nugg.ad AG bereits bei der Bewerbung. Das Unternehmen bietet digitales Zielgruppenmarketing an – und hat bei Great Place to Work in der kleinsten Größenklasse den dritten Platz belegt. CEO Stephan Noller schätzt gesunde Arbeitszeiten: „Wir achten auf eine gute Work-Life-Balance und sagen den Bewerbern schon im Vorstellungsgespräch, dass hier niemand bis 22 Uhr im Büro sitzen soll.“ Denn ausgeglichene Mitarbeiter seien die Voraussetzung für den Firmenerfolg: „Unser Unternehmen muss mit Innovationen punkten. Gute Ideen entstehen dort, wo Mitarbeiter viele Freiräume haben und spüren, dass die Unternehmensleitung ihnen vertraut.“

Das spiegelt sich auch in den Vorstellungsgesprächen – bei denen ein Bewerber schon mal sechs bis sieben Menschen gegenübersitzt: Die neuen Mitarbeiter werden nämlich von den jeweiligen Abteilungsleitern und Kollegen direkt ausgewählt. Hervorgehoben hat die Wettbewerbs-Jury auch den Strategieworkshop, der bei Nugg.ad zweimal im Jahr veranstaltet wird. Dessen Programm wird mittlerweile ganz ohne die Firmenleitung von den Mitarbeitern organisiert. Thematisch geht es in den Veranstaltungen zum Beispiel um bessere Arbeitsbedingungen – oder ganz konkret um den Wunsch nach neuen Bürostühlen. „Es ist mir am Anfang echt schwergefallen, so viel Kontrolle abzugeben“, sagt Stephan Noller. Aber es lohne sich.

Zumal die Konkurrenz wächst – und das Glück der Mitarbeiter nicht nur bei Nugg.ad an einem besonders radikalen Indikator messbar wird: „Viele bekommen regelmäßig Anfragen von Headhuntern. Wenn sie bei uns unzufrieden sind, gehen sie zur Konkurrenz.“

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