Vom Hersteller zum Mobilitätsdienstleister : Start-ups fordern Autokonzerne heraus

Der Autoverband VDA und deutsche Start-ups wollen enger zusammenarbeiten. Die Konzerne suchen Inspiration und Tempo, die jungen Firmen Geld und Erfahrung.

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Auslaufmodell Auto? Die Digitalisierung macht den Verzicht auf Eigentum möglich.
Auslaufmodell Auto? Die Digitalisierung macht den Verzicht auf Eigentum möglich.Foto: Reuters

Die deutschen Autobauer haben die Zeichen der Zeit zumindest sprachlich erkannt: Sie beschreiben sich inzwischen als „Mobilitätsdienstleister“, um deutlich zu machen, dass sich ihr Geschäftsmodell wandelt – von der reinen Entwicklung und Produktion von Autos zur Verknüpfung verschiedener Verkehrsträger und Dienstleistungen zu einer neuen, datenbasierten Wertschöpfungskette.

In Berlin finden die Konzerne besonders viele Anregungen, denn in der Stadt tummeln sich zahlreiche Start-ups, die in der Mobilität Neues ausprobieren. Am Donnerstagabend luden also der Autoverband VDA und der Bundesverband Deutsche Start-ups (BVDS) in den Westhafen ein, um sich mit der „Mobilität der Zukunft“ zu beschäftigen. In den Hallen, in denen Ford bis 1931 sein Modell T („Tin Lizzy“) montierte, waren auch drei Berliner Unternehmen dabei: free2move/Carjump, German Auto Labs und door2door. Mit bei solchen Veranstaltungen unvermeidlichen „Pitches“ präsentierten sie ihre Geschäftsmodelle.

Parkplatz-Nutzung, Carsharing, Shuttle-Dienste

Free2move bietet eine Art Meta-Navigator-App durch den Dschungel von Car- und Bikesharing-Anbietern. Das Unternehmen, das inzwischen zum PSA-Konzern gehört, verdient mit 40 Mitarbeitern Geld. Im Sommer expandieren sie in die USA. German Auto Labs widmet sich mit der Software „Chris“ dem Dilemma von Autofahrern, die ihr Smartphone im Auto nutzen oder mit dem Entertainment-System vernetzen wollen. Das Unternehmen will sich in wenigen Wochen bei Kickstarter präsentieren und hofft auf Investoren. Die Kölner evopark bietet technische Lösungen bei der Nutzung von Parkplätzen, von der Suche über den Zugang bis zu Bezahlung. In 22 Städten hat evopark bislang 41 000 Stellplätze unter Vertrag, bald soll der Dienst auch nach Berlin kommen. Bei door2door können Nutzer per App „Sammeltaxis“ bestellen, die – je nach Nachfrage – Fahrgäste einsammeln, um sich die Fahrtkosten zu teilen. Die Firma betreibt auch den Allygator-Shuttle-Dienst, der mit Audi kooperiert.

Begleitend zum Schaulauf der Start-ups legten beide Verbände ein gemeinsames Positionspapier als Fahrplan in die Zukunft der Mobilität vor. „Uns hat das gleiche Schicksal ereilt wie die Musikindustrie“, sagte VDA-Geschäftsführer Kay Lindemann. Klassische hardware-basierte Geschäftsmodelle werden durch Software überholt. Uber sei zum Beispiel keine Erfindung der Autoindustrie. Digitalisierung mache den Verzicht auf Eigentum möglich. Aber: „Der Wunsch, von A nach B zu kommen, wird sich nicht in einer Datenwolke auflösen“, sagte Lindemann. So mache Digitalisierung das Auto womöglich auch noch attraktiver, etwa durch Hilfe bei der Parkplatzsuche. Es werde keinen Big Bang geben, sondern eine Entwicklung, auf die sich die etablierte Autoindustrie einstellen könne.

58 Prozent aller Patente zum Autonomen Fahren aus Deutschland

„Wenn man sich die Zahlen anschaut, sieht es gar nicht so schlecht aus“, sagte Jörg Rocholl, Präsident der European School of Management und Technology (ESMT). 58 Prozent aller Patente zum Autonomen Fahren kämen aus Deutschland, „gute Startbedingungen“.

Das Dilemma der alten Konzerne: Ihre lukrativen Geschäftsmodelle geraten massiv unter Druck, während sie gleichzeitig in neue Geschäfte investieren müssen. Start-ups seien „der Stachel im Fleisch“, die die technologische Entwicklung vorantreiben, sagte Tom Kirschbaum, Gründer von door2door. Doch es fehle an Geld und Rechtssicherheit. „Dem Land der Mobilität täte es gut, wenn wir bei den Genehmigungsverfahren und rechtlichen Rahmenbedingungen vorangehen würden“, fügte VDA-Geschäftsführer Lindemann hinzu. Die Liberalisierung des Fernbusmarktes sei ein gutes Beispiel. Auch der „Datenschutz aus den 80er Jahren“ sei für App-basierte Dienstleistungen nicht mehr zeitgemäß, so Kirschbaum.

Nach einer McKinsey-Studie kann der Markt für neue Mobilitätsdienstleistungen bis 2030 weltweit auf bis zu zwei Billionen Dollar wachsen. Dies wäre ein Plus von durchschnittlich 28 Prozent pro Jahr. Doch die Entwicklung steht erst am Anfang. Nach der Studie lagen die Umsätze aller Carsharing- sowie App-basierter Taxi- und Transportdienstleister zusammen 2016 bei „nur“ 53 Milliarden Dollar. Selbst im Vorreitermarkt USA werden nur ein Prozent aller zurückgelegten Personenkilometer durch neue Mobilitätsdienste abgedeckt.

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