Wirtschaft : Vom Kaffeeröster zum Discounter

Tchibo vereinigt nach der Übernahme von Beiersdorf Billig- und Markenphilosophie

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Den Wendepunkt in der Unternehmensgeschichte von Tchibo markiert das Jahr 1973: Damals entschloss sich der ehemalige TchiboChef Günter Herz, in den Tausenden Filialen des Kaffeerösters auch andere Waren als Bohnenkaffee anzubieten. Heute macht Tchibo mit Produkten wie Kleidung, Küchenwaren oder Computern mehr Umsatz als mit Kaffee. Die Billigmarke TCM ist heute fast so bekannt wie Aldi. Selbst vor dem Verkauf von Versicherungsverträgen für die Altersvorsorge („Röster-Rente“) schreckt Tchibo nicht zurück. Im vergangenen Jahr erlöste das Unternehmen rund 3,1 Milliarden Euro.

Unternehmerisches Talent bewies Günter Herz aber nicht nur mit der Ausweitung des Sortiments. Der Sohn des Firmengründers Max Herz expandierte geschickt und übernahm den schärfsten Konkurrenten Eduscho. Die Gewinne investierte Herz in Beteiligungen an Firmen, wie dem Zigarettenkonzern Reemtsma und dem Kosmetikproduzenten Beiersdorf. Der Verkauf von Reemtsma spülte dem Unternehmen im vergangenen Jahr rund fünf Milliarden Euro in die Kassen. Eine Aufstockung des 30-Prozent-Anteils an Beiersdorf wäre die logische Konsequenz gewesen. Doch ein tief sitzender Familienstreit behinderte alle weiteren Schritte. Günter Herz hatte sich schon Jahre zuvor im Streit um Macht, Einfluss und Geld mit einigen seiner vier Geschwister überworfen. Als Mehrheitseigentümer verdrängten sie ihn im Jahr 2000 vom Chefposten. Vor wenigen Monaten trennten sich die Geschwister dann auch formal voneinander. Günter und Daniela Herz, die ebenfalls noch Anteile an Tchibo hielten, wurden von den anderen Familienmitgliedern mit rund vier Milliarden Euro abgefunden. Jetzt gehört Tchibo zu jeweils 34 Prozent den Brüdern Wolfgang und Michael Herz sowie zu je 15 Prozent ihrem Bruder Joachim und der Mutter Ingeborg Herz.

Die Neuverteilung der Besitzverhältnisse von Tchibo machte den Weg für die Übernahme von Beiersdorf frei. Das Problem: Die Trennung schwächte die Finanzkraft von Tchibo und mit Procter & Gamble oder L’Oreal standen internationale Großkonzerne als Käufer bereit. Doch mit der Stadt Hamburg fand der neue Tchibo-Chef Dieter Ammer einen starken Partner. Die Stadt wird 1,1 Milliarden Euro aufbringen, um aus Beiersdorf das erste M-Dax-Unternehmen im Besitz der Hansestadt zu machen. msh

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