Wirtschaft : Vom Konzern zur modernen E-Company: Das Imperium schlägt zurück

Henrik Mortsiefer

Als AOL zum Angriff überging und im vergangenen Jahr Time Warner kaufte, da schien ein neues Zeitalter angebrochen zu sein: Die New Economy war nicht mehr nur reich, sie war plötzlich auch sehr mächtig. AOL-Chef Steve Case legte strahlend den Arm um einen verlegen lächelnden Time-Warner-Präsidenten Gerald Levin und alle hatten verstanden.

Ein grandioses Missverständnis! Denn der Fall AOL/Time Warner ist ein Einzelfall geblieben. Schon als Steve Case mit einem milliardenschweren Aktienbündel den Time-Warner-Deal bezahlte, machte sich an den Kapitalmärkten Skepsis breit, ob es in dieser verkehrten Welt, in der David Goliath schlägt, mit rechten Dingen zugehen konnte. Heute sind die Pessimisten schlauer: Die Gewinnversprechen vieler Internet-Unternehmen sind nicht aufgegangen, die Renditehoffnungen vieler Investoren geplatzt, ihre Aktien entwertet. Mancher New-Economy-Unternehmer hat inzwischen nicht mal mehr genügend Geld, um seine Mitarbeiter zu bezahlen, geschweige denn Aktien, die ihm als Akquisitionswährung dienen könnten. Die Börse hat der New Economy das Vertrauen entzogen. Einstweilen jedenfalls.

In der allgemeinen Untergangsstimmung wird häufig übersehen, dass der "Hype-Cycle", der Zyklus der Übertreibungen, schon wieder einem neuen Trend nachjagt. Die traditionelle Industrie, die lange gescholtene Old Economy, ist zum Gegenangriff übergegangen. Sie hat ihre Wertschöpfungsprozesse, Kostenstrukturen und Erlöspotenziale unter die Lupe genommen, während die Investoren im Online-Fieber lagen, und festgestellt, dass das Internet vieles noch besser, schneller und effizienter machen kann. Und es geht den Großen nicht um kosmetische Korrekturen: Allein die 30 deutschen Dax-Unternehmen werden in den Jahren 2000 und 2001 17 Milliarden Mark in den Umbau zu modernen E-Companies investiert haben. Das Imperium schlägt zurück: Die New Economy, Teil II, hat soeben begonnen.

Es ist kein schnelles Wagniskapital, das die Auto-, Chemie- und Bankkonzerne in ihre Organisationen stecken. Es ist hart verdientes Geld, mit dem "Clicks and Mortar" - Mausklick und Mörtel - zu einer höheren Ordnung des Wirtschaftens verschmolzen werden. Doch auch dieser Prozess könnte eine Eigendynamik bekommen, die den Akteuren so gefährlich werden könnte wie der Knall, mit dem die Spekulationsblase zerplatzt ist. Die global aufgestellten Unternehmen sind eigentlich noch mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Sie sind immer noch dabei, die Folgen der Fusionswelle zu verkraften, die mit der Globalisierung der Märkte einherging. Jetzt sollen diese schnell gewachsenen Konzerngebilde zusätzlich vernetzt und an das Internet-Geschäft angepasst werden. Dabei prallen Strukturen, Denkweisen und Kulturen aufeinander, die in der Vergangenheit wenig oder gar nichts miteinander zu tun hatten. Auf schwerfälligen Entscheidungswegen sollen in Konzern-Behörden plötzlich kreative, unkonventionelle Lösungen gefunden und durchgesetzt werden. Unternehmer, die ein Geschäftsleben lang in Hierarchien gedacht haben, sollen Einfluss und Mitsprache abgeben und jungen Internet-Profis die Transformation ins E-Business überlassen. Viele gliedern lieber gleich das Online-Geschäft aus, und hoffen, dass es sich mit Kapital und Know-how füttern und zum Erfolg führen lässt.

Bei allem Eifer, den die Traditionalisten an den Tag legen: Es ist noch keineswegs erwiesen, ob sich diese Investitionen auch lohnen. Bisher beeindrucken nur imposante Zahlen. Und das erinnert verdächtig an das Versprechen, mit dem die Pioniere der New Economy ans Werk gingen. Viele haben vergeblich versucht zu beweisen, dass sich mit neuen Informationstechniken effizienter wirtschaften lässt. Jetzt sind die Manager der klassischen Wirtschaft an der Reihe. Sie haben die Dot.coms erst einmal hinter sich gelassen. Jetzt lassen wir uns gerne zeigen, wie sie auch die Zweifel am Nutzen des Internets in den Wind schlagen.

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